Herd

"Um den Herd herum versammelten sich die ersten Gruppen, an ihm knüpften sich die ersten Bündnisse, an ihm wurden die ersten rohen Religionsbegriffe zu Culturgebräuchen formuliert." Er bildet den "heiligen Brennpunkt, um den sich das Ganze ordnet und gestaltet" (Gottfried Semper).

Sempers Gedanke zum Ursprung der Architektur war es, der uns dazu veranlasste, die Metapher des Herdes für die im Folgenden dargestellten Diplome zu wählen. Mit diesem Begriff beschreibt er die Feuerstelle als theoretischen Ausgangspunkt eines jeden gemeinschaftsstiftenden Versammelns, welches die Architektur als räumlich-materielles Ordnungsprinzip einer sozialen Welt erst entstehen lässt. Vielgestaltig ausdifferenziert gibt sich der von Semper für eine archaische Gesellschaft formulierte "Herd" in unserer heutigen Gesellschaft in einer Fülle an Kultur- und Freizeitstätten zu erkennen.

Der älteste Diplomentwurf in unserer Ausstellung, Helga Herrenbergers Marionettentheater am Löwenwall von 1948 verweist auf die besondere Stellung des Foyers als einen Raum, der zum Verweilen einlädt. Vor Beginn der Vorstellung, in den Pausen oder vielleicht sogar danach kommen die Besucher hier ins Gespräch. Auch in Manfred Kirchhoffs Wohn- und Sozialzentrum für Jugendliche von 1978 steht im Sockelgeschoss ein großer Foyerbereich als Treffpunkt und Forum im Zentrum des Entwurfs. Hier werden Individuen zur Gemeinschaft, leben nicht neben- sondern miteinander.

   

Helga Herrenberger, Marionettentheater am Löwenwall, 1948, Prof. Kraemer, Grundriss
Manfred Kirchhoff, Wohn- und Sozialzentrum für Jugendliche in Braunschweig, 1978, Prof. Wagner, Modell

 

Raum für gemeinschaftsbildende Aktivitäten bietet auch der Entwurf für ein Türkisches Kulturhaus in Berlin von Manfred Bukowski (1980). Moschee, Theater, Ausstellungsflächen und Laubengänge erlauben sowohl religiöse wie kulturelle Verwendungen und würdigen auch die Bedeutung der alltäglichen Begegnung in einem Gebäude (Schreiten).

Manfred Bukowski, Türkisches Kulturhaus Berlin, 1980, Prof. von Gerkan, Grundriss, Nordansicht und Schnitt

 

Die Erfahrung von generationenübergreifender Gemeinschaft, von Fürsorge und "Füreinander-Da-Sein", zeigt sich in Eckhard Gerbers Entwurf für ein Kirchenzentrum und Altenheim (1966) für das der Autor Krippe, Kindergarten und Seniorenheim im direkten Kontakt zum Gemeindezentrum anordnet.

 

Eckhard Gerber, Kirchliches Gemeindezentrum, Altenheim, 1966, Prof. Kraemer, Ansicht
Eckhard Gerber, Kirchliches Gemeindezentrum, Altenheim, 1966, Prof. Kraemer, Modell
Ulrike Knaur, Healing Architecture, 2016, Prof. R. Schuster, Perspektive "Lobby"

 

Maren Lauer entwirft 1967 für Braunschweig einen großzügig den Außenraum entfaltenden, terrassierten Treffpunkt im Schlosspark, während Rüdeger Vermehren sein Modell für ein Freizeitzentrum drei Jahre später gleich einer Höhlenstadt in die Erde gräbt (Mega). Michael Richter wiederum lässt für sein Studentisches Clubhaus von 1980 im Multifunktionalen Großraum "den Bär los".

 

Maren Lauer, Treffpunkt im Schlosspark, 1967, Prof. Oesterlen, Ansicht vom Bohlweg
Rüdeger Vermehren, Modell für ein Freizeitzentrum, 1970, Prof. Jelpke, Schnitt
Michael Richter, Studentisches Clubhaus Braunschweig, 1980, Prof. Ostertag, Schnitt

 

Für mehrere Generationen war zudem das Kino ein besonderer Herd sozialer Zusammenkunft, eine beinah magische Zeit, deren Niedergang Hans-Hermann Krafft 1989 mit seiner CineCittà für einen Moment wundersam aufzuhalten weiß. In den Diplomaufgaben widmen sich seit einiger Zeit verstärkt Museen dem Erzählen und Gedenken von Kollektivität - in Markus Willekes Gebrüder Grimm Museum von 2010 zudem unter dem Dach eines märchenhaften Stützenwaldes.

   

Hans Hermann Krafft, Cine Città, 1989, Prof. Auer, Aquarell (Metaphern)

 

Als besonderer Ort gesellschaftstiftender Versammlung erscheint uns zu guter Letzt die Bauaufgabe der Therme. 1983 von Gerhard Auer als Diplomthema ausgegeben, trifft man sich in Annegret Drostes, Michael Drewitz' und Gerlinde Hubes Entwürfen gemäß der Aufgabenstellung "zum Flanieren, Spielen, Lesen", kommt "in entspannter Badestimmung" gemeinsam zur Ruhe und tauscht sich aus über Neuigkeit und Alltag, Weltpolitik und den heimischen Herd.

 

Annegret Droste, Thermen, 1983, Prof. Auer, Lageplan und Konzept
Michael Drewitz, Thermen, 1983, Prof. Auer, Ansichten und Schnitte

 

Anikó Merten

 

 

Weiterführend: 

Semper, Gottfried: Die vier Elemente der Baukunst. Beitrag zur vergleichenden Baukunde, Braunschweig 1851.