Horizont

Die Gesten der Architektur fordern uns auf, ihre Raumbildungen zu durchschreiten, in ihnen umherzuschweifen und sie zu erkunden, und sei es nur in der Vorstellung (Schreiten). Manchmal weisen diese Gesten in besonderem Maß über das räumlich Konkrete hinaus auf das, was jenseits davon liegt: auf das Abwesende oder das noch nie Dagewesene. Diese an die Einbildungskraft adressierte Architektur wird in Braunschweig seit den Achtzigerjahren ein wichtiges Thema, was wohl mit der Aufwertung der Landschaftsarchitektur im Kreis der Fächer zusammenhängen mag. Dieses Lehrgebiet wird 1982 mit Hinnerk Wehberg dauerhaft besetzt und ab 1991 auch "diplomfähig". Seit 2002 wird das Institut für Landschaftsarchitektur von Gabriele Kiefer geleitet (Curriculum). Die Entwürfe, die hier unter dem Stichwort "Horizont" gezeigt werden, da es in der Tat ihr Anliegen ist, den Gesichtskreis zu erweitern, bleiben allerdings keineswegs auf den Lehrstuhl für Garten- und Landschaftsgestaltung beschränkt. 

"Wenn die nur leicht gekrümmte Kuppe des Brocken die Erdkrümmung in Erinnerung ruft, wenn ihre steinerne Öde wie ein Auftauchen des Erinnerns erscheint, wenn die mythische Vergangenheit des Brocken ebenso wie die heute erlebbaren Besteigungserlebnisse in jedem Wanderer außergewöhnliche Assoziationen hervorrufen, dann berechtigt das alles zu einer radikalen Inszenierung der 'Leere'" (Sabine Mehrgardt, Brocken-Kopf, Diplom 1992).

   

Sabine Mehrgardt, Brocken-Kopf, 1992, Prof. Auer, Lageplan und Schnitt

 

Die Expeditionsstation Grand Canyon von Gabriele Gropp (1983) überhöht den Genius Loci einer Landschaft, die lebensfeindlich für den Menschen ist, seine Phantasie aber entzündet wie kaum eine andere. Der Entwurf übersetzt das Stürzen, Heben, Strecken der Topographie in die Sprache der Architektur. Ein Amphitheater für das Schauspiel des Lichts, ein Haus, das sich auf Piloti reckt und zugleich eine Höhle ist, eine Brücke, deren Thema der Abgrund ist, finden zu einem Entwurf, der das Archaische mit High-Tech verbindet und der überwältigenden Szenerie selbstbewusst gegenüberstellt.

   

Gabriele Gropp, Expeditionsstation Grand Canyon, 1983, Prof. von Gerkan, Ansicht von Norden

 

Auch der Entwurf von Susanne Dexling (1986) für eine Vertikale Passage auf Helgoland arbeitet mit der natürlichen Formation und setzt ihr die Téchne entgegen, verschmilzt diese beiden Signaturen von Landschaft zu einem begehbaren Monument, das mit den Funktionen Warenhaus, Museum und Hotel auch eine Abbreviatur von Stadt ist (Mega). Die poetische Wirkung des filigranen Stahlfachwerks wird in einem überaus feingliedrig gestalteten Modell vorstellbar.

   

Susanne Dexling, Vertikale Passage auf Helgoland, 1986, Prof. Wagner, Modell

 

Gegenüber diesen stark mit der dramatischen Naturszenerie verfahrenden Gestaltungen eröffnen die Entwürfe von Rüdiger Stauth (eine Dissertation, deren Kernstück der Entwurf eines stadtbaugeschichtlichen Museumspfades für Braunschweig ist, 1991) (Oker) und Astrid Bornheim (Denkmal Landschaft Peenemünde, 1998) eine durch Bewegung induzierte Topographie der kulturellen Erinnerung (Perspektive).

   

Rüdiger Stauth, Entwurf von Stationen zur Darstellung von Stadtbaugeschichte. Ein Ansatz zur Definition eines stadtbaugeschichtlichen Museums (Dissertation), 1991, Prof. Ostertag, Analytique

 

In diesen Zusammenhang gehört auch die Master-Thesis Marschordnungen von Katharina Specht (2013). Auf der Grundlage umfangreicher (bau-)historischer Recherchen und Ortserkundungen erarbeitet sie u.a. ein Konzept künstlerischer Interventionen, um das Nürnberger Reichsparteitagsgelände als architektonische Matrix für die performativen Spektakel der nationalsozialistischen Propaganda erfahrbar zu machen.

   

Katharina Specht, Marschordnungen, 2013, Prof. Karch, performative Ortserkundungen

 

Diana Bico (Agoraphobia, 2014) schließlich verwandelt einen politisch hoch umkämpften Raum, den Gezi-Park in Istanbul, in eine der Stadt entrückte Insel. Indem der Ort dem Zugriff durch die widerstreitenden Ansprüche der gesellschaftlichen Gruppen enthoben wird, die sich an ihm alle gleichzeitig nicht erfüllen können, gelingt eine "poetische Transformation" (Baudrillard) in das Reich der kollektiven Phantasie und wird zum Symbol der Teilhabe.

Diana Bico, Agoraphobia, 2014, Prof. Kiefer, Collage (Natur)

 

Martin Peschken

 

 

Weiterführend:

Baudrillard, Jean: Architektur. Wahrheit oder Radikalität?, Graz 1999.

Conrads, Ulrich: Landschaften vor Augen, in: Daidalos, 1984, 12, S. 32-43.

Jäkel, Angelika: Gestik des Raumes. Zur leiblichen Kommunikation zwischen Benutzer und Raum in der Architektur, Tübingen 2013.