Industrie

Durch das Werk Walter Henns, der 1953 an die TH Braunschweig berufen wurde, ist die Braunschweiger Architekturschule innerhalb der Bundesrepublik mit einer besonderen Qualität des Industriebaus assoziiert. Seine Forschungs- und Lehrtätigkeit ist in Lehrbücher zum Industrie- und Stahlbau eingegangen, die zu den Klassikern des Fachs gehören und in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Dieses Renommee konnten die Lehrstuhl-Nachfolger Helmut C. Schulitz (seit 1982) und Carsten Roth (seit 2003) fortführen.

Demgegenüber sind Industrie und Gewerbe als Diplomaufgabe in Braunschweig jedoch erstaunlich wenig prominent - ihre Zahl bleibt zum Beispiel noch hinter den Bauten für den Breitensport zurück (Olympia). Bei dem ältesten Diplom in dieser Abteilung - Uwe Hollers Verwaltungsgebäude mit betriebsärztlichem Dienst und Kantine im Kontext einer Maschinenfabrik (1965) - stehen schon nicht mehr die Fertigungsstätten selbst im Vordergrund des Entwurfs, sondern bereits die Arbeitswelt als Differenzierung sozialer Sphären. Anspruchsvolle Architektur für die Produktionsstätten, die nicht in erster Linie Labore oder "showrooms" sind, wird dagegen in späteren Jahren nur noch selten zum Thema gemacht, und dann im Bereich der für Deutschland typischen Leichtindustrie: etwa Stefan Worbes' Fahrradfabrik in Braunschweig (1988) oder Anke Westphals Uhrenfabrik in Celle (1993).

 

Uwe Holler, Verwaltungsgebäude mit betriebsärztlichem Dienst und Kantine, 1965, Prof. Henn, Ansicht
Stefan Worbes, Fahrradfabrik in Braunschweig, 1988, Prof. Schulitz, Ansicht

 

Der Strukturwandel von der Schwerindustrie zur Dienstleistungsgesellschaft war im Deutschland der 1970er Jahre auf allen kulturellen Ebenen ein greifbares Thema. So auch in der Architektur. Heiner Höltje entwirft 1978 bei Manfred Lehmbruck ein (Kunst-)Museum im Industriegebiet von Lille-Roubaix. In der Konstruktion und den Einzelformen noch ganz im Geist des "Maschinenzeitalters", konterkariert die expressive Gesamtkomposition schon das zweckrationale Gewordensein der Umgebung. Die Grenzen von Industriekultur und Hochkultur beginnen sich hier gegeneinander aufzulösen.

   

Heiner Höltje, Museum im Industriegebiet von Lille-Roubaix, 1978, Prof. Lehmbruck, Lageplan

 

Nur wenige Jahre später wird der 'dirty realism' der Industriearbeit bereits ästhetisiert und musealisiert - z.B. durch Osman Kapicis Bergbaumuseum in Goslar (1982), in einer gegenüber den Braunschweiger Plänen der Siebzigerjahre völlig veränderten Darstellungsweise (Kittel). Oder Rüdiger Stauths Umbau einer Fabrikhalle aus dem 19. Jahrhundert in einen Rockpalast (1983), sozusagen ein Prototyp der Konversionsarchitektur, wie sie mittlerweile seit Jahrzehnten in den ehemaligen Industriestaaten Konjunktur hat.

   

Osman Kapici, Bergbaumuseum in Goslar, 1982, Prof. Wagner, Frontansicht
Rüdiger Stauth, Rockpalast, 1983, Prof. Wagner, Axonometrie

 

Wir zeigen hier noch drei jüngere Arbeiten zum Thema Konversion, bei denen allerdings nicht der Erhalt von Bausubstanz im Vordergrund steht: das Ruhr.City.Lab (2008) von Olaf Härtel, die Ateliers de la Méditerrannée von Oliver Thar (2011) auf dem Industriehafen von Marseille und Nicolai Schlapps' The Factory. Urban Sprout (2013) in den Navy Yards von Brooklyn. Alle drei unternehmen es - in sehr unterschiedlichen Kontexten - mit einer markanten zeitgenössischen Architektur Impulse urbanen Lebens in Gegenden von industriell-peripherem Charakter zu setzen.

   

Olaf Härtel, Ruhr. City. Lab, 2008, Prof. R. Schuster, Collage Außenperspektive
Olaf Härtel, Ruhr. City. Lab, 2008, Prof. R. Schuster, Schwarzplan

 

Martin Peschken