Kittel

Der Zeichenkittel verweist auf das Handwerk entwerferischer Darstellung. Zusammen mit Armstülpe und Handschuh, Maske und Schablone, schützt der Kittel Originalplan und Verfasser gleichermaßen vor Kollateralschäden, wenn Ideen auf Papier gebracht werden. "Kittel" lenkt also das Augenmerk auf Herstellung und Materialität der architektonischen Zeichnung, aber auch darauf wie Herstellung und Materialität auf den Betrachter wirken (Perspektive).

Karl-Heinz Hesses Entwurfsdarstellung eines Sporthotels aus dem Jahre 1956 führt uns die Expressivität, aber auch die Fragilität der Bleistiftzeichnung vor Augen: Die mit weicher Mine gezeichneten Bäume der Tiroler Bergwelt stehen noch heute in ihrer kraftvollen Strichführung vor uns - und noch immer rieselt aus dem dichten Tannenwald der Graphit.

 

Karl-Heinz Hesse, Sporthotel und Touristenhaus in Südtirol, 1956, Prof. Oesterlen, Perspektive

 

Die 1978 mit Rapidograph ausgeführten Pläne von Rolf Toyka inszenieren ganz bewusst die Imperfektion der Freihandzeichnung: Die Linien wurden mit leicht zittriger Hand über einer an der Schnurschiene konstruierten Vorzeichnung ausgeführt, um die Ästhetik des Manuellen in die technische Zeichnung zu überführen. Von Studenten der Zeit als "Zitterlinie" bezeichnet galt diese Technik als ein Charakteristikum der Darstellung am Lehrstuhl Roland Ostertags.

   

Rolf Toyka, Goethe-Institut an der Weißenhofsiedlung, 1978, Prof. Ostertag, Ansicht

 

Wirkungsvoll kommt Tinte auch bei Bernhard Gössler (1980) und Stephan Worbes (1988) zum Einsatz. Harte, flächig ausgemalte Schlagschatten stehen im Kontrast zu den mit Airbrush angelegten Um- und Lufträumen, aus denen die Entwürfe hervortreten. Dass für das Versprühen der Tinte zumeist die Zahnbürste eingesetzt wurde, ist dabei nicht nur Improvisation aus Mangel, sondern dezidiert ästhetisches Kalkül.

   

Bernhard Gössler, Kongresshotel in Kiel, 1980, Prof. Wagner, Schnitt
Stefan Worbes, Fahrradfabrik in Braunschweig, 1988, Prof. Schulitz, Ansicht (Ausschnitt)

 

Statt kalkulierter Spritzer setzt Rolf Blume in einer städtebaulichen Analyse von Helmstedt (1981) Punkt um Punkt um Punkt um Punkt. Deren unterschiedliche Dichte veranschaulicht die Wahrnehmung des Volumens städtischer Räume.

   

Rolf Blume, Domäne Helmstedt, 1981, Prof. Stracke, Raumwirkung
Rolf Blume, Domäne Helmstedt, 1981, Prof. Stracke, Raumwirkung (Ausschnitt)

 

Auch beim Kolorieren verleiht das Werk der Hände den Entwurfsdarstellungen eine besondere Aura. Helmut Flohrs mit Rostrot und leuchtendem Weiß akzentuierten Ansichten zeugen davon ebenso wie die sanft Gebäude und Natur verschmelzenden Buntstiftarbeiten Annette Kläners. Michael Drewitz geht der Darstellung seines Entwurfs (1983) zudem mit Aceton zu Leibe. Auf dem Titelblatt kreiert er eine Collage aus gedruckten Bildern, die mit Hilfe des Lösungsmittels auf das Transparentpapier übertragen wurden.

   

Michael Drewitz, Thermen, 1983, Prof. Auer, Titelblatt (Ausschnitt)
Christian Dörsam, Rathaus in Celle, 1984, Prof. Ostertag, Axonometrie

 

Dass sich die Produktion und Bearbeitung von Bildern unter dem Einfluss von Computer und Digitalkamera radikal geändert hat, liegt auf der Hand. Der Übergang auf computergestützte Darstellungstechniken in den 1990er Jahren ist in diesem Sinne aber dennoch interessant. Nikolas Pomränke zum Beispiel bewegt sich explizit zwischen digital und analog: per Hand koloriert er die Perspektiven nach, um in Zeiten vor Photoshop und Rhino den Vektorenzeichnungen Atmosphäre zu verleihen.

   

Nicolas Pomränke, Dominikanerkloster in Magdeburg, 1998, Prof. Wagner, Innenraumperspektive

 

Um die Zweidimensionalität des Papiers zu überwinden greift Hans-Joachim Witt 1964 zu Schere und Kleber. Dachkonstruktion (Tragwerk) und Passagiermaschinen seines Empfangsgebäudes (Flughafen) werden mit Hilfe von Fotokarton und Silberpapier nicht nur visuell, sondern in ihrer Schichtung auch physisch hervorgehoben.

Julian Busch steigert diesen Ansatz zu einem filigranen Netz aus geschnittenen, gefalteten und aufgeständerten Papierschichten, die nunmehr die Zweidimensionalität der Zeichnung endgültig hinter sich lassen. Sein 2009 gefertigtes Schnittmodell zeigt eindringlich, wie das Werk der Hände Entwurf und Vorstellung beflügelt.

  

Julian Busch, Aerotopos 2018. Zentrale der Olympischen Winterspiele Innsbruck, 2009, Prof. Szyszkowitz, Schnittmodell

 

Christian v. Wissel