Konflikt

"Wissen Sie vorweg, daß es beim Architekturstudenten nicht um den Lerner geht, den Stoffbewältiger, sondern um den Aufgeschlossenen, den Aufwühlbaren, nicht um den, der alles weiß und kann, sondern um den, der fragen und staunen kann, um den, der immer begierig und hungrig ist und dem hinter jeder Antwort die neuen Fragen aufsteigen". So plädiert Friedrich Wilhelm Kraemer in der Auftaktvorlesung zum Wintersemester 1952/53 für Leidenschaft, Wissenshunger und kritische Neugier.

Kaum zwanzig Jahre später wird es der Braunschweiger Professorenschaft des kritischen Fragens zuviel, der Wissenshunger erscheint nunmehr als Aufmüpfigkeit. Wenn in Braunschweig vielleicht gemäßigter als andernorts, so schlägt sich doch auch an der hiesigen Hochschule sehr deutlich die Aufkündigung des Glaubens an eine "konvergent universelle Industriegesellschaft" (Simone Hain) nieder als Kontroverse über die Inhalte der Lehre und ganz besonders, wie über diese bestimmt wird. Weitgehend, aber nicht ohne Ausnahmen fiel der Konflikt als einer zwischen den Generationen aus. An der Abteilung Architektur der TH Braunschweig ging es im Wesentlichen um die Frage, ob der Architekt im Prozess von Planung und Bau bloßer "Erfüllungsgehilfe" sein oder seine gesellschaftliche Verantwortung nicht schon bei der Erarbeitung der Planungsgrundlagen einbringen soll. Hier gingen die Positionen der Studierenden, Assistenten und Professoren weit auseinander.

   

Der rote Mauerziegel. Ausgabe November 1970. Aus: Vorlass Cord Machens

 

1972 unterzeichneten dreizehn Braunschweiger Architektur-Professoren eine in der Zeitschrift Das Werk veröffentlichte "Charta von Braun-Schweig" (sic!). Hier stellten sie "aus gegebenem Anlass" klar, was sie als die Aufgabe des zeitgenössischen Architekten verstehen. Stein des Anstoßes, der die Braunschweiger Debatten so richtig ins Rollen gebracht hatte war die Nicht-Anerkennung eines so genannten "Telefonbuch-Entwurfs" als Diplom. 

   

Typoskript Stellungnahme Braunschweiger Professoren vom 8.2.72, im Wortlaut veröffentlicht als "Charta von Braun-Schweig" in der Zeitschrift "Das Werk" (Nr. 4, 1972), dort zusätzlich unterzeichnet von Kraemer, Lehmbruck und Oesterlen. Aus: Konvolut Wibke Thon-Dreessen

 

"Telefonbuch-Entwürfe" wurden despektierlich solche Arbeiten genannt, die vorwiegend auf Textebene Bedingungen und Voraussetzungen eines Entwurfsthemas untersuchten. Pläne, Diagramme oder gar Modelle stellten darin eher die Ausnahme dar. Für die Professoren hatte die Durchsicht einer solchen Arbeit offenbar die gleiche Anziehungskraft wie ein Telefonbuch durchzublättern.

Ute Lübbes Modell für ein Freizeitzentrum im Harz (bei Prof. Jelpke, 1970) ist ein solcher Entwurf. Es stellt Überlegungen an zu den psychologischen und sozioökonomischen Bedingungen der "Freizeit" und versucht, aus diesen Überlegungen heraus die grundsätzlichen Erfordernisse an eine Naherholungslandschaft zu entwickeln.

   

Ute Lübbe, Modell für ein Freizeitzentrum im Harz, 1970, Prof. Jelpke, erste Textseite

 

Auf offizieller Seite, sprich: in der oben genannten Charta hieß das: "Maßt der Architekt sich Urteile außerhalb dieser Sachgebiete an (d.i. das Entwerfen und Ausführen von Bauten, MP), so muß er sich den Vorwurf des Dilettantismus gefallen lassen." Das trifft vor allem auf Wibke Thon-Dreessens kleinkinder in salzgitter (bei Prof. Bruckmann, 1971) zu. Diese Arbeit war das Exempel, an dem die Unterzeichner der Charta solches Dilettieren schließlich ein für allemal aus der Architektenausbildung verweisen wollten. Ihr Untertitel lautet: "materialien zur politischen ökonomie der vorschulerziehung insbesondere in industriellen teilstädten wie saltzgitter. konsequenzen für die veränderung. ansätze für die räumliche planung."

   

Wibke Thon-Dreessen, kleine kinder in salzgitter, 1971, Prof. Bruckmann, Titelblatt

 

Der Dilettantismus-Vorwurf ist nicht ganz von der Hand zu weisen, und wie sollte es auch anders sein, wenn es an der Fakultät damals keinen festen Platz für die Soziologie oder gar Psychologie der Architektur gab? Erst die stadtbaugeschichtlichen Vorlesungen von Kristiana Hartmann, die 1980 als Nachfolgerin Jürgen Pauls auf den von ihm begründeten Lehrstuhl für Architektur- und Stadtbaugeschichte kam, thematisierten systematisch auch die soziologischen Aspekte der Planungsgeschichte. 2001 folgte auf Hartmann die aus Graz berufene Karin Wilhelm, in deren Lehrprogramm Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt als ein Überschneidungsfeld von Diskursen und Entwicklungen in Ästhetik und Technik, Soziokultur, Politik und Ideengeschichte erkennbar wurde.

Dass die Charta von Braunschweig nicht die richtige Antwort auf das Fragebedürfnis der Studierenden war, der Rückzug auf die so genannten Kernkompetenzen des Architektenberufs nicht nur um 1970, sondern zu jeder Zeit eine Halbwahrheit und in diesem Fall ein besonders anachronistisch anmutender "Ordnungsruf", das hat Manfred Sack in seinem Artikel "Bauen, nicht denken. Der 'Braunschweiger Weg', Architektur zu studieren", der in der Zeit-Ausgabe vom 10. März 1972 erschien, eindrücklich analysiert. Wibke Thon-Dreessen hat sich von ihrem Ansatz nicht abbringen lassen und im Herbst desselben Jahres ihr Studium mit einer Arbeit zur Stadtentwicklung von Hildesheim abgeschlossen, diesmal ausgerüstet mit fachgerechtem Planmaterial. 

In den folgenden Jahrzehnten hat sich der Analyseanteil in den Diplomarbeiten auch bei Hochbauentwürfen deutlich ausgeweitet (Umfang). Seitdem mit der Einführung des Masterstudiengangs ab dem Wintersemester 2010 ein Abschluss grundsätzlich an allen Lehrstühlen möglich ist (Curriculum), ist auch das Spektrum der Themen, die vom klassischen Hochbauentwurf abweichen, erheblich angewachsen, bis hin zu dem von M. Norbert Fisch (Prof. für Bauphysik und Gebäudetechnik) initiierten, eigenständigen Masterstudiengang Sustainable Design (seit 2012).

Konflikte gab es in jener Epoche aber nicht nur um das Verhältnis von Theorie und Praxis im Studium. Auch das Tagesgeschäft der in Braunschweig lehrenden Architekten geriet in den Fokus der Kritik. Die Pläne von Ulrich Hassels Synchrotron (1979) geben davon ein Zeugnis. Nachdem bekannt geworden war, dass Walter Henn in die kurz darauf gestoppte Endlagerplanung in Gorleben einbezogen war, boykottierten Atomkraftgegner dessen Lehrveranstaltungen. Hassels vermutet, dass die Diplomaufgabe, einen Teilchenbeschleuniger zu entwerfen, Henns Kommentar zu diesen Anwürfen gewesen sei. Was wiederum Hassels gekonnt-frech mit dem zungenbleckenden Einstein in der Mitte seiner Entwurfsansichten kommentierte.

   

Ulrich Hassels, Synchrotron der TU Braunschweig, 1979, Prof. Henn, Perspektive

 

Seither sind die Kontroversen zwischen Lehrenden und Studierenden kaum mehr von solcher Heftigkeit gewesen. Die Proteste der Neunziger Jahre etwa zielten auf die Ausstattung der Abteilung und die allgemeinen Bedingungen des Studiums im Massenbetrieb der Universität (Zeichensaal).

Selbstverständlich gibt es Kontroversen hinsichtlich der Beurteilung von Diplomarbeiten, besonders da, wo es um die kreative Leistung geht. In der Tat ist die Gratwanderung zwischen Aneignung von meisterhaften Lösungen und Plagiat eine schwierige - das trifft im Rückblick aber auf Entwürfe der 1950er Jahre, die wir so klar als "Braunschweiger Schule" zu erkennen meinen, kaum minder zu als auf die Prägekraft der Stararchitekten seit den 1990er Jahren. Jedenfalls muss uns heute befremdlich erscheinen, dass Mirjam Blases Ägyptisches Kulturmuseum (1984) den Verdacht des Plagiats erweckt hat (Leere). Ihre offensichtliche Bezugnahme auf den Komplex der Djoser-Stufenpyramide, die freilich im Grundriss wie in der Fassade als (post-)modernes Museum durchgearbeitet wurde, löste offenbar zwischen den beurteilenden Professoren eine Kontroverse hinsichtlich der Eigenständigkeit des Entwurfs aus. Mirjam Blase entschied sich statt der Kompromissnote dafür, im folgenden Semester das Diplom noch einmal zu machen.

   

Mirjam Blase, Ägyptisches Kulturmuseum, 1984, Prof. von Gerkan, Grundriss und Ansicht

 

Seit der Umstellung des Diplomstudiengangs Architektur auf Bachelor- und Masterstudiengänge steht der Begriff der "Studierbarkeit" im Raum. Studierende klagen darüber, dass die aus Lebenszeit berechneten Leistungspunkte keine verlässlich harte Währung sind, sondern je nach Anspruch der Institute mal teuer, mal billiger erkauft werden müssen. Die Lehrenden dagegen klagen über das Krämertum der Studierenden, von denen Leistungen bloß aus Interesse und ohne Vergütung in jener Währung kaum mehr zu erwarten sind. Offenbar werden die neuen Studiengänge, die Resultat des Bologna-Prozesses sind, im Braunschweiger Architekturdepartment noch nicht so ganz als passendes Kleid, sondern allzu häufig als Korsett empfunden. Die Gegner in diesem Konflikt sind allerdings kaum im Innern des Departments zu finden und also für die Beteiligten viel schwieriger zu adressieren.

 

Martin Peschken

 

 

Weiterführend:

Der Rote Mauerziegel. Zeitung der Basisgruppe Architektur der TU Braunschweig, Hefte 1 + 2, Braunschweig 1970.

Sozialistische Studenten Presse. Organ der Zelle Architektur der HO Braunschweig, Heft 3, Braunschweig 1972.

Machens, Cord: Im Gespräch mit Anne Schmedding, Tonaufzeichnung SAIB, November 2006.

Hain, Simone: Modern Scraps. Versuch, einen korrumpierten Diskurs hochzuhalten, in: Experimentale e.V. (Hg.): Heimat Moderne, Leipzig 2006, S. 116-130.