Kurve

Wie ein Fremdkörper zwischen den Braunschweiger Entwürfen seiner Zeit nimmt sich Hinrich Schwanitz' Landtagsgebäude von 1961 aus. Man darf annehmen, dass es auch als Fremdkörper gemeint ist, in dem Sinne, dass es von Neuem künden soll. Im Kern des Baus befindet sich mit dem kreisrunden Plenarsaal eine konzentrierende Figur, die der demokratischen Institution sehr wohl ansteht (Demokratie). Im Außenbau jedoch gerät die Ruhe dieser Figur in eine zentrifugale Dynamik. Die Nebenräume legen sich in verschieden lang bemessenen Kurven um den Kern, die Büros der Abgeordneten stapeln sich zu einem Regal in konstruktiv kühner Auskragung. Eine Zufahrtsrampe stimmt schwungvoll auf den Prospekt dieses architektonischen Zeichens ein. Ein Zeichen - nach einer Phase des Bemühens um heiter-sachliche Ruhe - schon für die Bewegung, die im bevorstehenden Jahrzehnt in die nachkriegsdeutsche Gesellschaft kommt (Konflikt)?

   

Hinrich Schwanitz, Entwurf für ein Landtagsgebäude, 1961, Prof. Oesterlen, Modell
Hinrich Schwanitz, Entwurf für ein Landtagsgebäude, 1961, Prof. Oesterlen, Schnitt

 

Gegensätzlichkeit ist auch das Thema von André Poitiers' Entwurf für eine Greenpeace-Zentrale in Hamburg von 1989 (Demokratie). Die Zentrale schwebt als Ring hoch über dem Standort am Hafen. Der Eindruck einer Ölplattform drängt sich auf, aber den Intentionen des Bauherrn gemäß gewissermaßen als Parodie, denn die Konstruktion wirkt nicht im euphorischen Sinn kühn, sondern zerbrechlich, gefährdet. Das eindrucksvolle Modell wiederholt in der Materialbehandlung und Ästhetik das Gegensätzliche, indem es über dem "solid ground" der in Beton gegossenen Umgebung die Zentrale der NGO beinahe als feinziselierte Goldschmiedearbeit präsentiert.

   

André Poitiers, Greenpeace-Basis Hamburg, 1989, Prof. Ostertag, Ansicht

 

Thomas Möhlendicks Cine Città aus dem gleichen Jahr setzt das Abschirmende konvexer Formen städtebaulich markant ein, um die Ecksituation zwischen Papenstieg und Marstall auf der Rückseite des Braunschweiger Burgplatzes zu definieren. Der Entwurf für den Kinokomplex kontrastiert wirkungsvoll einen erschließenden Würfel (Q-bus) und den expressiv geformten Kinosaal, und schafft im Innern, wie es der betreuende Gerhard Auer kommentiert, einen räumlichen Reichtum und eine morphologische Vielfalt von erlebnishaft-labyrinthischer Wirkung. Ist es Zufall, dass der aufgeschnittene Kinosaal im Modell wie der Baummensch aus Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" aus dem Bild herausweist - als Schnittstelle zwischen cineastischer Traumwelt und unserer Betrachterlust?

   

Thomas Möhlendick, Cine Cittá, 1989, Prof. Auer, Modell

 

Im Jahr 2000, nach der Einführung des Euro als Buchungswährung, gibt Michael Szyszkowitz die Aufgabe heraus, einen Hauptsitz für die Europäische Zentralbank zu entwerfen (Europa). In Julius Klaffkes Lösung dieser Aufgabe meint unser heutiger, durch die Eurokrisen gefärbter Blick eine Nachdenklichkeit lesen zu dürfen, die mit der bankentypisch glatten Skyscraper-Ästhetik bricht. Unser Blick scheint sich gleichsam in den Tiefen und Einschnitten dieser Oberfläche einzusenken, um dann wieder an den kurvigen Faltungen in Schwung zu kommen.

Steven Hahnemanns Entwurf für einen Krankenhausbau in Innsbruck mag aus einer Untersuchung über Optimierungspotentiale in Prozess und Bau (2014) hervorgegangen sein, doch herrscht hier ein Formwille, der die diagrammatischen Analysen zu den Funktionsabläufen im architektonischen Sinn ins Organische übersetzt. Die Themen Erschließung und Erweiterbarkeit werden durch Anklänge an pflanzenhaftes oder kristallines Wachstum gestaltet. Die "Kurve" ist hier zwar nicht das dominante Formmerkmal, aber die Synthese von bionischen und strukturalistischen Vorbildern bewirkt eine deutliche Abkehr von der Logik des rechten Winkel.

   

Steven Hahnemann, Krankenhausbau. Optimierungspotentiale in Prozess und Bau, 2014, Prof. Roth, Perspektive
Steven Hahnemann, Krankenhausbau. Optimierungspotentiale in Prozess und Bau, 2014, Prof. Roth, Bedarfsermittlung (Auszug)

 

Olive Mount - Center of Cultures nennt Luisa Held ihren Entwurf für ein Pilgerzentrum auf dem Jerusalemer Ölberg von 2014. In einer zeitgenössischen Invention über Kreis und Kurve nimmt sie viele Besonderheiten des Ortes auf - Zentralbau, Höhle, Lichtmetaphorik, Blickbezug zur Altstadt. Sie schafft damit einen räumlich definierten "Umkreis", in dem sich Gegenwart und Vergangenheit, mythischer und politischer Raum treffen können, der die Erwartungen der Jerusalem-Pilger respektiert und zugleich Begegnung mit dem Unerwarteten ermöglichen will. 

   

Luisa Held, Olive Mount - Center for Cultures, 2014, Prof. Grüntuch-Ernst, Perspektive Innen

 

Martin Peschken