Leere

Wie beim Schreiben besteht bei der Zeichnung die Kunst darin, zu wissen was man zeigt und was man weglässt. Immer ist der Adressat die Vorstellungskraft des Betrachters, die Fähigkeit, das Angedeutete mit Sinn zu füllen.

Den Architekturdarstellungen der Braunschweiger Absolventen ordnen wir in der Ausstellung zwei Pole zu: die "Leere" und die (Perspektive). Beide Begriffe sind metaphorisch zu verstehen. Unter Perspektive zeigen wir solche Darstellungen, in denen eine möglichst anschauliche Simulation der entworfenen Räume angestrebt ist - optisch, leiblich und atmosphärisch. Daneben gibt es aber solche Zeichnungen, deren Anschaulichkeit sich in erster Linie an den Intellekt richtet.

Die Axonometrie nimmt als Darstellungstechnik eine Schlüsselrolle in der Architekturauffassung des Neuen Bauens ein, und prägt die Architekturmoderne bis heute. Thilo Hilpert vermutet, dies habe mit der damalig verbreiteten Ablehnung eines "malerischen" Raumverständnisses zu tun. "Das Schrägbild soll nicht die Raumwirkung geben, sondern verdeutlichen, wie sich aus Volumen und konstruktiven Elementen ein Baukörper fügt, Raum erst durch sie definiert wird." Dabei wird die nicht-architektonische Welt - Umgebung, Menschen, Natur - zumeist ausgeblendet, der Charakter ist, selbst wenn Farben eingesetzt werden, eher kühl. Damit wird aber auch das betrachtende Auge sozusagen zum überirdischen Auge - eines, das ausschließlich in der Vorstellung besteht.

Mirjam Blases Entwurf für ein ägyptisches Museum in Kairo ist in diesem Sinn in eine Leere gesetzt, in der sich der Anspielungsreichtum des Entwurfs umso stärker entfalten kann. Trotz der zarten Kolorierung strahlt die Präzision der Handzeichnung eine Nüchternheit aus, als solle ein Gegengewicht zur postmodernen Nostalgie der Entwurfsidee geschaffen werden. Dass diese sich auf den Komplex der Djoser-Pyramide beruft, hat der Autorin - heute schwer verständlich - den Vorwurf des Plagiats eingebracht (Konflikt).

   

Mirjam Blase, Ägyptisches Kulturmuseum, 1984, Prof. von Gerkan, Axonometrie

 

Wir subsumieren - das Stichwort "Leere" etwas strapazierend - auch perspektivische Zeichungen hierunter, deren Abstraktionsgrad vom Irdischen ebenfalls in der Hauptsache den Intellekt adressiert. Etwa die Innenraumperspektiven für Susanne Janssens City Center Dresden (1996), Tobias Ammes Sanatorium auf Usedom (1992) oder Christiane Kraatz' Verlags- und Pressehaus. Medienwerkstatt (1992).

Für die Verortung der Darstellung in einer das Experiment begünstigenden Leere scheinen in Braunschweig offenbar die 1980er und 90er-Jahre die hohe Zeit gewesen zu sein.

Christiane Kraatz, Verlags- und Pressehaus Medienwerkstatt, 1992, Prof. Ostertag, Perspektiven

 

Martin Peschken

 

 

Weiterführend:

Hilpert, Thilo: Geometrie der Architekturzeichnung. Einführung in die Axonometrie und Perspektive, Braunschweig 1988.

Philipp, Klaus Jan: Die Axonometrie als symbolische Form. Architekturdarstellung als visualisierte Theorie, Hamburg 2008.