Meldeausstellung

Lange Jahre gehörte zu den Gepflogenheiten der Braunschweiger Architektenausbildung, dass die sich zur Diplomprüfung (Umfang) meldenden Studierenden ihre Studienarbeiten hochschulöffentlich ausstellten. Dies gab den angehenden Architektinnen und Architekten Anlass zur Reflektion des bisherigen Schaffens, dem Lehrkörper Gelegenheit zur Kontrolle, und den jüngeren Kommilitonen die Möglichkeit zur Orientierung. Gemäß der Diplomprüfungsordnung der Fünfzigerjahre war eine solche Meldeausstellung Pflicht. Für die Kandidaten, die sich zur Diplom-Hauptprüfung gemeldet hatten, gehörte das Ausstellen der Entwürfe und sonstigen Studienarbeiten also zum Zulassungsverfahren.

   

Meldeausstellung von Horst Goebel, um 1954

 

Mit den Jahren wandelten sich Status und Charakter dieser Veranstaltung. In der Regel einmal im Semester präsentierten die Kandidaten des neuen Diplom- Jahrgangs ihre Zeichnungen, Modelle und Texte in den Foyers von Altgebäude, Audimax, Aquarium oder BS4. Ging es lange Zeit um "die Prüfung, ob der cand. arch. in der Lage war, zur Hauptprüfung zugelassen zu werden" (Erdal Dogrul, Diplom 1972), so war die Ausstellung in der Wahrnehmung der Melder bald verbindliche "Tradition, keine Prüfung" (Andreas Möhlmann, Diplom 1980). Schließlich standen eine riesige Party am Stand und im Zeichensaal sowie das gesellige Miteinander mehr im Vordergrund, doch "die Veranstaltung galt weiterhin als wichtige Etappe der Diplomvorphase" (Simon Paulus, Diplom 1999).

Die nicht mehr zur Pflicht, vielmehr zur akademischen Kür zählenden Meldeausstellungen nahmen den Charakter eines bunten, gerne auch kulinarisch angereicherten Bazars an. Oft gestalteten die Melder ihre Kojen aus Stellwänden und Tischen mit hohem Anspruch und Aufwand. Die Art und Weise der Präsentation vor dem Lehrkörper, den Kommilitonen, Freunden und Angehörigen war Werkbericht und nicht selten kreatives Statement mit Mitteln des Messebaus. So präsentierten sich die baldigen Absolventen mit ihrem bisherigen architektonischen Schaffen, gaben Anlass zum fakultätsinternen geselligen Miteinander und stellten sich der Kritik der Lehrstuhlinhaber.

   

Meldeausstellung von Müge Güçsav, 1972

 

Die Meldeausstellung konnte zudem für die angehenden Architekten eine Art Visitenkarte sein. Manch ortsansässiges Architekturbüro und aus dem Umland oder entfernteren Großstädten herbeigeeilter Alumnus nutzte die Gelegenheit, um Nachwuchskräfte für sein Team kennen zu lernen. In guten Jahren kamen etliche Ausstellerinnen und Aussteller so bereits vor Beginn ihres Diplomentwurfs zu einem Job, da kreatives Potential von den Büros frühzeitig abgefischt wurde. Die Meldeausstellungen waren ein Fixpunkt im Kalender vieler aktiver und ehemaliger Hochschulangehöriger, ein Treffpunkt und hochschulöffentliche Leistungsschau der Fakultät. Bald nach der Jahrtausendwende endete diese Tradition.

 

Arne Herbote