Nußberg

Der zwischen der Okeraue und Riddagshausen gelegene Nußberg ist auch für norddeutsche Verhältnisse mehr ein Hügel als ein Berg. Die Anhöhe am Rande des sogenannten Prinzenparks hatte lange Zeit zumeist als Steinbruch, dann aber auch als Schießstand für das braunschweigische Militär, als Ausguck und Rodelbahn gedient. Er war zum Zielpunkt der wichtigen städtebaulichen Achse geworden von Dom, Löwe und Burg Dankwarderode über Steinweg und Theater hinein ins östliche Ringgebiet. Die nationalsozialistischen Planer hatten die Achse durch den Stadtpark fortgeführt. Am sanft abfallenden Hang fügten sie eine Kanzel hinzu, die Teil einer in den Berg eingefügten sogenannten Thingstätte war. Dieser somit historisch und topographisch aufgeladene Ort im Stadtgebiet bot der Braunschweiger Architekturfakultät wiederholt Gelegenheit zur Auseinandersetzung.

1959, den Blick weiterhin auf den städtebaulichen Wiederaufbau des durch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zerstörten Braunschweig gerichtet, gibt Prof. Oesterlen die Diplomaufgabe für einen Entwurf eines Casinos am Nußberg heraus. Horst von Bassewitz möchte mit seinem Entwurf aus dem nach dem Krieg vernachlässigten Gelände am Franzschen Feld einen neuen Anziehungspunkt machen, der diesem historischen Ort etwas Neues entgegensetzt. Helmut Flohrs Entwurf führt, auf einer Zeichnung für die gleiche Diplomaufgabe, den Betrachter einen Weg hinauf auf den Hügel an dessen Spitze sich das neue Casino, eingebettet in die Landschaft,
befindet.

1968 schiebt Helge Bofinger am Rand des Franzschen Feldes die skulpturale Großform seines Tagesheimgymnasiums (1968) in die städtebauliche Achse (Jasperallee) zwischen Nußberg und Innenstadt (Schule).

   

Horst von Bassewitz, Entwurf für ein Kasino am Nußberg, 1959, Prof. Oesterlen, Ansicht von Süden
Horst von Bassewitz, Entwurf für ein Kasino am Nußberg, 1959, Prof. Oesterlen, Grundriss Restaurant
Helmut Flohr, Entwurf für ein Kasino am Nußberg, 1959, Prof. Oesterlen, Perspektive
Helmut Flohr, Entwurf für ein Kasino am Nußberg, 1959, Prof. Oesterlen, Lageplan

 

Die Topographie bestimmt den Entwurf. Dies wird auch in späteren Diplomaufgaben und den entsprechenden Lösungen deutlich. Andrea Becker-Bergermann spielt in ihrem Vorschlag für eine Mediathek (1988) mit den Höhenverhältnissen des sanft ansteigenden Geländes. Ihr Entwurf besteht aus sich unter der Oberfläche befindlichen Gebäudeteilen und aus einer aufgeständerten Bibliothek.

Auch Imke Woelk und Benedikt Hotze komponieren mit der Topographie, um den Nußberg als Ort des kollektiven Gedächtnisses zu gestalten. Ihre Entwürfe für eine Nekropole - Stadt der Toten (1993) arbeiten einmal bewusst gegen, das andere Mal bewusst mit der vorgefundenen Landschaftsformation. Hotzes Bauten zerschneiden die Mulde des ehemaligen Steinbruchs und weisen mit schroffer Geste "den Lebenden und den Toten einen jeweils eindeutigen Platz zu". Den Steinbruch interpretiert Imke Woelk als Kippfigur zwischen Höhle und Erdschoß. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zur Nekropole ist damit die Todesthematik als Wechsel von Werden und Vergehen.

   

Andrea Becker-Bergemann, Mediathek, 1988, Prof. Ostertag, Ansicht
Andrea Becker-Bergemann, Mediathek, 1988, Prof. Ostertag, Lageplan und städtebauliche Einbindung
Benedikt Hotze, Nekropole - Stadt der Toten, 1993, Prof. Ostertag, Modell
Benedikt Hotze, Nekropole - Stadt der Toten, 1993, Prof. Ostertag, Lageplan und Konzept

 

Arne Herbote und Anikó Merten