Oker

Es liegt nahe sich mit dem auseinanderzusetzen, was man unmittelbar vor Augen hat. So ist es nicht verwunderlich, dass die Professorenschaft Bauaufgaben in der Stadt Braunschweig immer wieder zum Thema von Diplomarbeiten machte. Nicht nur Friedrich Wilhelm Kraemer und Johannes Göderitz, die direkt in die Stadtplanung involviert waren, sondern die große Mehrheit der Professoren widmete sich dem Standort der Hochschule und der näheren Umgebung.

Viele dieser sowohl städtebaulichen als auch hochbaulichen Aufgaben bearbeiteten Grundstücke entlang der Okerumflut, jener das Stadtbild prägenden Großfigur, in deren unmittelbarer Nähe auch die Mehrzahl der Architekturinstitute angesiedelt war und ist.

Helga Herrenbergers Entwurf zu einem Marionettentheater am Löwenwall von 1948 und Horst Goebels Bebauungsplan im Bereich des städtischen Verkehrskreuzes Augusttor von 1955 stehen exemplarisch für die Jahre der intensiven Beschäftigung mit dem Aufbau (Aufbruch) des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Braunschweig.

   

Horst Goebel, Bebauungsplan im Bereich des städtischen Verkehrskreuzes Augusttor in Braunschweig, 1955, Prof. Göderitz, Ansicht und Grundrisse
Horst Goebel, Bebauungsplan im Bereich des städtischen Verkehrskreuzes Augusttor in Braunschweig, 1955, Prof. Göderitz, Modell

 

Die Oker ist immer auch Anregung und Begrenzung, die es zu überwinden gilt, zugleich. Hinrich Schwanitz' Entwurf für ein Landtagsgebäude (1961) überspannt den mittig durch das Gelände verlaufenden Flußarm und bindet so den Landtag an die benachbarten Teile der Stadt (Kurve). Sönke Lorentzens Brücke der Nationen von 1979 überspannt hingegen symbolisch. Sein Entwurf fügt der am Fluss gelegenen Villa Bülow als historischem Solitär einen Anbau hinzu, der sich in seiner Gestaltung bewusst zurücknimmt.

Die innerstädtische Wohn- und Sozialeinrichtung für Jugendliche von Ortwin Heipe (1981) nimmt hingegen die Bestandsbauten des ehemaligen Industriegebietes zwischen Oker und Frankfurter Straße in ihre Mitte. In Rüdiger Stauths von Roland Ostertag betreuter Dissertation aus dem Jahr 1990 werden am Modell von Braunschweig Vorschläge entwickelt, wie ein stadtbaugeschichtliches Museum in den Stadtraum selbst verlegt werden kann (Horizont).

   

Ortwin Heipe, Innerstädtische Wohn- und Sozialeinrichtung für Jugendliche, 1981, Prof. Ostertag, Lageplan und Isometrie

 

Mehrere Studien zu Neu- und Erweiterungsbauten der Braunschweiger Hochschule waren Teil der Diplomaufgaben der letzten Jahrzehnte. Hierzu gehören Uwe Schülers Entwurf für eine Ingenieurhochschule (1969), Thomas Jansens Institut für Biologie (1970) ebenso wie die Studentischen Clubhäuser von Hans Kirchner und Michael Richter (1980) sowie die drei 1985 entworfenen Botanischen Institute von Klaus Ihlenburg, Annette Kläner und Margret Weber.

    

Margret Weber, Botanisches Institut, 1985, Prof. Ostertag, Grundriss

 

Außerdem wurden großmaßstäbliche Wohnungsbauprojekte als Entwurfsaufgaben herausgegeben, die lokale Planungsdiskurse anregten beziehungsweise aufgriffen. Jörg Pollex lässt sich 1990 in seinem Diplom von der Aufgabe Wohnen wie gewohnt? zu mehr inspirieren als nur zur Gestaltung von Wohneinheiten entlang der Oker. Angesichts der enger werdenden und gleichsam wachsenden Städte ruft er dazu auf zu Astrourbanauten zu werden, denn der Platz auf der Erde ist begrenzt (Trabant).

 

Arne Herbote