Olympia

Pflicht und Kür liegen im Sport oft eng bei einander - und auch die Diplomaufgabe vereint beide Kategorien, um so die Fähigkeiten der werdenden Architekten und Architektinnen unter Beweis zu stellen. Bauten für den Sport bestätigen hier nur die Regel, und setzen doch auf besondere Weise konkrete Aufgabenstellung und allgemeinen Anspruch an die Abschlussarbeit in einen konzeptionellen Zusammenhang. Auf dem Siegertreppchen stehen Sportbauten in unserer Architekturabteilung aber nicht. Mit 277 von 5003 Diplomen liegen sie hinter Bildungs-, Kultur-, öffentlichen und Verwaltungsbauten lediglich auf Platz 5 der in den letzten 70 Jahren gestellten Hochbauaufgaben.

Wettkämpfen zum Trotz verweilt man 1953 in Bruno Jalaß' Wiederaufbau des Stadtbades Mitte in Frankfurt am Main gerne bis zur letzten Minute im Wasser. Die noch junge, geschäftige BRD gönnt sich in der Licht durchfluteten Halle einen Augenblick der Ruhe, und nur die Uhr an der Stirnwand verweist auf das nahende Ende der Mittagspause in der Messe- und Finanzmetropole Westdeutschlands (Aufbruch).

     

Bruno Jalaß, Stadtbad Mitte Frankfurt / Main, 1953, Prof. Kraemer, Innenraumperspektive

 

Auch bei Peter Brandenburgs Sport- und Erholungspark Saalermühle von 1972 spielt das Licht eine herausragende Rolle. Unter einem sichtbaren MERO-Raum- Tragwerk erstreckt sich eine Abfolge leichter, unterschiedlich weit gespannter Hallen, in denen von der Sauna bis zur Gokartbahn, vom Bowling bis zum Eissport, alle Funktionen wie in einem "überdachten Straßenraum" (Brandenburg) eng in Beziehung treten (Mega).

Auf dem Berliner Alexanderplatz faltet Frederik Siekmann diesen Straßenraum 2006 in die Höhe. Über eine Rampe erschließen sich dem Besucher die neuen Möglichkeiten der aufgestapelten Sportscapes. Verschiebungen zwischen "Promenadensystem" und "Sportvolumen" (Siekmann) bilden ein komplexes Raumgefüge, in dem Spielwiese, Trimm-dich-Pfad und Sonnendeck dynamisch zum Gipfel stürmen.

   

Frederik Siekmann, Sportscape, 2006, Prof. Kaag, Isometrie der Raumschichten und Perspektive
Jürgen Steffen, Landessportschule, 1960, Prof. Oesterlen, Ansichten

 

Den Ruf der Berge haben die Braunschweiger Architektur-Athleten dabei schon früh vernommen. Karl-Heinz Hesse etwa zieht 1956 mit wachsenden Touristenscharen der Wirtschaftswunderjahre nach Südtirol. Sein Sporthotel mit Touristenhaus belegt, dass das, was wir heute in Anspielung an Mythos und Marke einer Braunschweiger Schule gerne als 'Braunschweiger' Riegel beschreiben, auch auf der Lichtung im Tannenhain eine gute Figur macht - und mit den Touristen auch städtische Leitbilder in den ländlichen Raum exportiert. 

Immer höher hinaus geht es ab 1970. Die Gemeinschaftseinrichtungen eines hoch-alpinen Wintersportortes von Harmen Thies verweisen auf neue Bauaufgaben im Zuge des einsetzenden Massenskisports, und Julian Busch errichtet 39 Jahre später mit seiner Zentrale für die Winterspiele in Innsbruck 2018 der Erstürmung der Berge einen neuen Olymp.

   

Harmen Thies, Gemeinschaftseinrichtungen eines hoch-alpinen Wintersportortes, 1970, Prof. Oesterlen, Modell
Julian Busch, Aerotopos 2018. Zentrale der Olympischen Winterspiele Innsbruck, 2009, Prof. Szyszkowitz, Perspektive und Axonometrie, Grundrisse
Julian Busch, Aerotopos 2018. Zentrale der Olympischen Winterspiele Innsbruck, 2009, Prof. Szyszkowitz, Grundriss Level 1

 

Für Olympiaden wird der Entwurf von Sportbauten auch zur städtebaulichen Aufgabe. 1988 machen sich sowohl Peter Ruge als auch Jan-Peter Witte auf, um für Hamburg den sportlichen Weltauftritt im Jahr 2004 räumlich zu organisieren (Aufbruch). Wird dessen Status als Braunschweigs Haus-Metropole seither von Berlin sicherlich angefochten, hatte die Hansestadt zumindest 2015 kurz in Sachen Olympia die Nase wieder vorn: wären nicht die Hamburger Bürger auf die Bremse getreten (Partizipation), dann hätten sich Braunschweiger Absolventen und Absolventinnen gewiss auch für 2024 wieder mit ihren Entwürfen für "Spiele auf dem Wasser" (Konzepttext der Berlin zunächst überlegenen, dann aber nach dem Referendum zurückgezogenen Bewerbung) in die Planung eingebracht.

     

Jan-Peter Witte, Olympiade 2004 in Hamburg, 1988, Prof. Stracke, Gesamtplan während der Spiele
Peter Ruge, Olympiade 2004 in Hamburg, 1988, Prof. Stracke, Lageplan

 

Christian v. Wissel

 

 

Weiterführend:

Prahl, Hans-Werner/ Steinecke, Albrecht: Der Millionen-Urlaub. Von der Bildungsreise zur totalen Freizeit, Darmstadt 1979.

Spode, Hasse (Hg.): Zur Sonne, zur Freiheit. Beiträge zur Tourismusgeschichte, Berlin 1991.