Q-bus

Der Kubus als Urtyp der Architektur zeigt auch in unserem kleinen Ausschnitt aus der Welt des Bauens eine starke Präsenz als zentrale Idee des Entwurfs. Was wir hier unter "Q-bus" zusammenstellen, muss indessen kein perfekter Kubus sein. Vielmehr haben die Arbeiten gemein, einer komplexen innenräumlichen Struktur nach außen eine leicht fassliche Form zu geben, die das Thema des Würfels durchspielt. Alle hier gezeigten Entwürfe treten mit der städtischen Umgebung als selbstbewusster architektonischer Baukörper in Dialog. Damit stellen sie gewissermaßen zur Kompositionsform des Bandes den Gegensatz dar.

Unsere Auswahl folgt drei Zeitschnitten: den Fünfzigerjahren, der Postmoderne um 1980 sowie der Gegenwart (nach 2000).

Horst Laskowski entwirft 1955 eine Kreditbank, die im Grundriss ein nahezu perfektes Quadrat bildet. Der Reiz des horizontal gelagerten Gebäudes liegt im Kontrast zwischen der klassisch wirkenden Gesamtproportion und einer fast vollständig durchsichtigen curtain wall. Die feingliedrige Fassade verrät den Einfluss der Proportionsstudien, die im Unterricht Friedrich Wilhelm Kraemers in den 1950er Jahren einen prominenten Raum eingenommen haben. Sie zeigt eine Art Monumentalordnung im Erd- und ersten Obergeschoss, interpretiert also die moderne Fassadenhaut im Sinne traditioneller architektonischer Proportionierung. Dadurch wird dem Gebäude eine leichte, aber gewissermaßen ernste Eleganz verliehen, die zum städtischen Raum hin transparent ist. Vergleicht man dies mit Friedrich Louis Simons Bankgebäude von 1853, das an dieser Stelle am Braunschweiger Bankplatz steht als ein schwerer Ziegelbau mit hohem Rustika-Erdgeschoss, dann zeigt sich Laskowskis Entwurf als Paradebeispiel für die an historischen Analysen gereifte Braunschweiger Moderne der Fünfzigerjahre (Aufbruch).

   

Horst Laskowski, Entwurf einer Kreditbank, 1955, Prof. Kraemer, Fotomontage (mit Vorlage)
Horst Laskowski, Entwurf einer Kreditbank, 1955, Prof. Kraemer, Grundriss

 

Jürgen Friedemanns Architekturmuseum in Frankfurt am Main (1979) nimmt die Morphologie der Umgebung des Standortes sehr direkt auf. Er abstrahiert die mittlere Größe der vornehmen, einzeln stehenden Stadthäuser zu einem kubischen Baustein. Drei solche Bausteine bilden eine quadratische Grundfigur, und wo die drei Ecken zusammentreffen befindet sich eine überkuppelte Halle. Der dritte Kubus ist aus dieser Figur herausgedreht und als selbständiger Bau an die Ecke des Grundstücks versetzt. Zusammen mit einer Fußgängerbrücke, die zu einem Aussichtspavillon am Mainufer führt, gibt der auf Eck gestellte Kubus einen städtebaulichen Akzent. Friedemanns, in Braunschweig von Roland Ostertag betreuter Entwurf, ist deutlich von Oswald Mathias Ungers Suche nach elementaren architektonischen Grundformen inspiriert.

   

Jürgen Friedemann, Architekturmuseum Frankfurt am Main, 1979, Prof. Ostertag, Grundriss
Jürgen Friedemann, Architekturmuseum Frankfurt am Main, 1979, Prof. Ostertag, Ansichten

 

Axel Becks Bibliotheks- und Kongresszentrum in Ljubljana (2006) macht das Monolithische des Kubus zum Programm einer Variation: markant soll sich das Gebäude aus der kleinteiligen Blockstruktur erheben, aber dadurch gerade als Gravitationszentrum eines neuen städtischen Raums wirken. Der Entwurf sucht den Bezug zur benachbarten Slowenischen Nationalbibliothek von Joze Plecnik, ebenfalls eine Invention über den Kubus. Die schon bei Plecnik thematisierte Dialektik aus offen und geschlossen, schwer und leicht interpretiert Beck in einer zeitgenössischen Formsprache neu: als Zweiklang gebildet aus gläserner Transparenz und einer plastisch geformten perforierten Betonhaut.

Auch Fabian Busse ist von der formalen Kraft des Kubus als städtischem Baustein überzeugt. Im Innern des klar ablesbaren Behälters herrscht eine sehr komplexe Raumstruktur, die vielfältigste kulturelle Funktionen beherbergt. An die Spitze eines Brooklyner Hafendocks gesetzt, soll der leicht überhöhte Würfel durch seine Markanz der Weltstadt signalisieren, dass an dieser Stelle ein neuer Urban Sprout entsteht. Kein hermetischer Block, sondern ein "mediatisierter Setzkasten, der ein differentes Wechselspiel in der Fassadenprojektion" (Busse) erzeugt.

     

Fabian Busse, Brooklyn Navy Yards. Urban Sprout, 2013, Prof. Grüntuch-Ernst, Ansicht

 

Martin Peschken