Raster

Am Raster scheiden sich die Geister. Für die einen Korsett, für die anderen Ermöglichung, ist das Raster vor allem ein Entwurfsgerüst, das wir heute vornehmlich mit der Architektur der 1970er Jahre in Verbindung bringen: Serielle Ordnung, Modularität, Neutralität der Richtung und potentielle Unendlichkeit haben damals in besonderem Maße den Entwurf geprägt. Wie um diesen Eindruck zu bestätigen, zeigt das Raster in den Plangrafiken der Braunschweiger Absolventen eine besondere Präsenz gerade in dieser Dekade - was nicht bedeuten soll, dass regelmäßige Maß- und Achssysteme nicht schon immer die Architektur in Ausdruck und Konstruktion geprägt hätten.

Jürgen Zirfaß macht sich 1973 das Raster zu eigen, um die angestrebte Wandel- und Erweiterbarkeit seines Naturhistorischen Museums in Lüneburg von Grund auf in den Entwurf zu integrieren. In Dietmar Brandenburgers Kulturzentrum für eine Stadt im Mittelmeerraum von 1970 ermöglicht die Neutralität des Rasters eine sich in alle Richtungen gleichermaßen ausbreitende - und dem Besucher somit alle Freiheiten in der Bewegung eröffnende - Gebäudelandschaft. Frank-Nikolaus Rickert schließlich baut auch 2002 wieder seine vertikale Neuinterpretation einer Plug-in City auf die flexible Modularität des Rasters (Mega).

    

Jürgen Zirfaß, Naturhistorisches Museum in Lüneburg, 1973, Prof. Oesterlen, Grundriss Ebene 0
Jürgen Zirfaß, Naturhistorisches Museum in Lüneburg, 1973, Prof. Oesterlen, Modell
Dietmar Brandenburger, Kulturzentrum für eine Stadt im Mittelmeerraum, 1970, Prof. Oesterlen

 

Renate Müller wiederum zeigt, wie das Raster aus bestehenden städtebaulichen Bezügen heraus entwickelt werden kann und somit keineswegs, wie oft beanstandet, ein ausschließlich selbstreferenzielles Entwurfsgerüst sein muss. Vielmehr verbindet es industrielle Produktion mit landschaftlicher Weite auf der Grundlage klarer Strukturen. Dass der rechte Winkel dabei auch mal zu Gunsten der Diagonalen zurücktreten kann, beweist den universellen Anspruch des Rasters, immer und überall auf die lokalen Bedürfnisse reagieren zu können.

   

Renate Müller, Stadthalle Vlotho, 1974, Prof. Oesterlen, Grundriss Saalebene

 

Konzeptionell bewährt sich das Raster somit vor allem als kartographisches Gitternetz, mit dessen Hilfe Raum gedacht und Bezüge schlüssig organisiert werden können. Bei Müge Güçsavs 1972 verfasster Gesamthochschulplanung im Rahmen der Stadtentwicklungs- und Erneuerungsplanung am Beispiel der Stadt Hildesheim ist dies genauso ersichtlich wie schon 1965 bei Ernst Detlef Kohls Wohngebiet Münster Gievenbeck - damals noch ohne das Raster explizit im Plan graphisch darzustellen (Trabant). Dass der Kurzschluss des Rasters mit einer Unwirtlichkeit standardisierter Massenproduktion zu kurz greift, zeigen die Arbeiten von Hartmut Jentzsch und Reinhard Hoffmann, in denen auch die Versuche eines Gegenortes für das Zentrum von Braunschweig oder für ein Alternatives Leben im ländlichem Raum (Eutopos) wie selbstverständlich den Geist von Orientierungs- und Messraster atmen.

      

Müge Güçsav, Gesamthochschulplanung im Rahmen der Stadtentwicklungs- und Erneuerungsplanung am Beispiel der Stadt Hildesheim, 1972, Prof. Bruckmann, Erschließungskonzept
Reinhard Hoffmann, Alternatives Leben im ländlichen Raum, 1978, Prof. Guldager, Planungskonzept

 

Was von der gerasterten Zeit bleibt, ist die konstruktive Effizienz, die sie durch Serie und Modul zu ermöglichen suchte. Schon Ulrich Decker löst 1979 die Starrheit des Rasters wieder auf, ohne dabei auf dessen Vorzüge für Statik und Bauablauf zu verzichten: in seinem Kulturforum am Römerberg Frankfurt verdreht er die Richtung des strukturierenden Stützensystems je nach Bedarf der einzelnen Gebäudeteile.

   

Ulrich Decker, Römerberg Frankfurt am Main, 1979, Prof. von Gerkan, Grundriss und Schnitte

 

Bei Waltraud Witt (1974) und Gerlinde Hube (1983) materialisiert sich das Raster zu guter Letzt vor allem in der Fassade. Was sich bei Witt noch unmittelbar als die gestalterische Fortführung der im Grundriss ausgebreiteten Struktur darstellt, wird bei Hube zum Angebot des Dialogs mit dem Betrachter über den Gestaltwert des Quadrats.

   

Gerlinde Hube, Thermen, 1983, Prof. Auer, Grundriss und Ansicht

 

Christian v. Wissel