Riegel

Der Riegel avanciert in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Darling einer auf Effizienz und Baukosten bedachten Bauwirtschaft und Bauverwaltung. Die strukturellen Vorteile dieser Gebäudeform mit gestalterischem Anspruch zu interpretieren - diese Herausforderungen haben Architektinnen und Architekten, die sich am hiesigen Department für ihr Berufsleben wappneten, immer wieder auch in den Abschlussarbeiten angenommen.

Walter Fleck experimentiert 1954 mit den vielfältigen Kompositionsmöglichkeiten des Riegels. Auf der Suche nach einem variablen Motel-Typ für die deutschen Autobahnen erarbeitet er fünf Varianten, in denen je nach Nutzungsanforderung und Verkehrsführung mehrere langgestreckte Baukörper zu unterschiedlichen Formationen zusammengefügt werden (Auto). Wie auch bei Karl-Heinz Hesses Sporthotel mit Touristenhaus in Tirol von 1956 (Olympia) wird dabei die Effizienz des Riegels auch auf ihre Stapelbarkeit hin erprobt.

     

Karl-Heinz Hesse, Sporthotel und Touristenhaus in Südtirol, 1956, Prof. Oesterlen, Ansichten

 

Hartmut Zander verweist 1980 mit seiner Fachhochschule Wolfsburg auf das im Riegel angelegte Spannungsverhältnis zwischen betonter Längsausrichtung und ebenfalls angestrebter Rhythmisierung: drei Vorsprünge markieren die Seiteneingänge und gliedern die Fassade unter Anspielung vielleicht auch auf das ortsbestimmende Volkswagenwerk. Im Inneren betont eine schmale, sich zum Himmel über ein Glassdach öffnende Passage die Längenentwicklung im Kontrast zu den kurzen, den Luftraum kreuzenden Stege. Karen Brand thematisiert 1999 mit ihrem Fährterminal in New York die Horizontalität des Riegels im bewussten Kontrast zu den umgebenden Vertikalen der Wolkenkratzer.

   

Hartmut Zander, Fachhochschule in Wolfsburg, 1980, Prof. von Gerkan, Lageplan und Ansichten
Karen Brand, Manhattan Transfer, 1999, Prof. Schulitz, Perspektive

 

Annette Kläner hingegen löst 1985 den Riegel zunehmend auf. Stufenweise gibt der geschlossene Charakter der Straßenfront ihres Botanischen Instituts ein gläsernes Inneres frei; und auch im rückwärtigen Teil entweicht die strenge Gebäudeform ihrem linearen Rahmen und öffnet sich fließend dem Botanischen Garten an der Oker. Dabei drehen sich die einhüftig erschlossenen Laboratorien im 45º-Winkel aus der Hauptachse des Gebäudes und verzahnen so Riegel und Raum. Bei Thorsten Klöppelt schließlich erhebt sich 2004 der Riegel in die Lüfte. Das langgestreckte, schlanke und rechtwinklige Volumen des UN College Insel Hammerstein ordnet sich dabei bewusst der Landschaft des Rheintals unter und setzt doch einen weithin sichtbaren Kontrapunkt.

     

Annette Kläner, Botanisches Institut, 1985, Prof. Ostertag, Grundriss und Straßenansicht
Torsten Klöppelt, UN-College Insel Hammerstein, 2004, Prof. R. Schuster, Lageplan und landschaftliche Einfügung
Torsten Klöppelt, UN-College Insel Hammerstein, 2004, Prof. R. Schuster, Längsschnitt

 

Christian v. Wissel