Schreiten

Nicht Hetzen, nicht Hasten, kein Rennen, keine Eile, vielmehr ein Innehalten in der Bewegung. Wir gehen voran, um die Umgebung wahrzunehmen, um uns in der Umgebung wahrzunehmen. Wir sehen und werden gesehen, aus den Schreitenden werden Betrachtende.

In dieser Sektion versammeln wir Entwürfe, die diese Beziehung aus Bewegung und Aufmerksamkeit besonders inszenieren - in einem Detail, in einer Perspektive oder in der Darlegung der Entwurfsidee.

     

Diethelm Hoffmann, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, 1963, Prof. Oesterlen, Perspektive Innenraum

 

Diethelm Hoffmann lässt zwei Figuren im Innern seiner Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (1963) dem Betrachter ihre Rücken zuwenden. Sie halten inne, blicken durch die große Glasfront aus der Eingangshalle hinaus. Der Blick des Betrachters aber zieht weiter, folgt der promenade architecturale auf eine obere Plattform mit immer neuen Aus- und Rückblicken. Auch Robert Friedrichs bietet im Innern seines Collegium Musicum (2001) eine sich im Gehen entfaltende architektonische Landschaft. In Lutz Käferhaus' Kurhaus eines Badeortes von 1967 übernimmt die Treppe neben der Erschließung eine zentrale soziale Funktion, indem sie das Herauf- und Herunterschreiten im Kurhaus als gesellschaftliches Ereignis inszeniert (Herd).

     

Robert Friedrichs, Collegium Musicum, 2001, Prof. von Gerkan, Innenraum Perspektiven
Lutz Käferhaus, Kurhaus eines Badeortes, 1967, Prof. Kraemer, Schnitt A-A (Ausschnitt)

 

Simon Paulus beschreibt das zentrale Anliegen seines Entwurfs für ein Kulturforum in Graz (1999) als einen "sensiblen Umgang mit dem umgebenden historischen Stadtbild" (Paulus). Sein Forum bietet dem Flaneur ein tableau vivant, ein Arrangement "antipodischer Gebäudekonfigurationen", durch die man sich schreitend bewegt, denn Eile würde das Tableau zerstören. 

Susanne Dexling gestaltet 1986 eine Vertikale Passage auf Helgoland in Form einer konstruktivistischen, gigantischen Wendeltreppe. Zwischen Ober- und Unterland wird das Schreiten leicht zur sportlichen Bestätigung und bietet doch fortwährend den kontemplativen Ausblick auf das Meer (Horizont).

   

Susanne Dexling, Vertikale Passage auf Helgoland, 1986, Prof. Wagner, Ansicht

 

Bei Karen Brands Terminalgebäude an der Südspitze Manhattans (1999) wird "durch das diagonale Durchschreiten des Riegels mit der Glasfront nach Westen zu den Fähranlegern der Übergang vom Land zum Wasser, von der Stadt zum Meer inszeniert" (Waterkant).

   

Karen Brand, Manhattan Transfer, 1999, Prof. Schulitz, Perspektive Innenraum

 

Anikó Merten

 

 

Weiterführend:

von Keitz, Kay/ Voggenreiter, Sabine (Hg.): En passant. Reisen durch urbane Räume. Perspektiven einer anderen Art der Stadtwahrnehmung, Berlin 2010.

Neumeyer, Harald: Der Flaneur. Konzeption der Moderne, Würzburg 1999.