Tragwerk

Dass konstruktiver Hochbau und Tragwerksentwurf fester Bestandteil der Architekturausbildung sind, zeigt sich nicht zuletzt in den Diplomarbeiten, welche über gestalterische Anforderungen hinaus Lösungen explizit auch auf effizienten Lastabtrag und materialschlüssige Verbindungen hin erarbeitet haben.

Unter diesen Gesichtspunkten stand immer wieder das stützenfreie Überspannen großer Weiten im Zentrum. Dass Konstruktionsprinzip und Raumwirkung dabei gleichwertige Beachtung fanden belegen die Darstellungen von Hans-Joachim Witt (1964; Flughafen) und Michael Richter (1980; Herd), ebenso wie die explizite Verwendung von MERO Kugelknotensystemen durch Peter Brandenburg (1972; Mega) und Heiner Höltje (1978).

   

Heiner Höltje, Museum im Industriegebiet von Lille-Roubaix, 1978, Prof. Lehmbruck, Detailschnitt, -Ansicht und Tragsystem

 

Hinrich Storch (1961) und Ulrich Hassels (1979) führen uns vor Augen, dass die konstruktive Durcharbeitung des Entwurfs keineswegs zu Lasten einer einfühlsamen, zuweilen humorvollen Vorstellung projektierter Nutzungen geht: sei es in der Oberbühne des Kulturzentrum Salzgitter Lebenstedt oder im Labortrakt des Synchrotron der TU Braunschweig.

   

Ulrich Hassels, Synchrotron TU Braunschweig, 1979, Prof. Henn, Konstruktives Detail

 

Besonders sichtbar fallen architektonischer Ausdruck und konstruktive Durcharbeitung in der Fassade zusammen. Sowohl Stephan Worbes (1988) als auch Anke Westphal (1993) legen in ihren Entwürfen zweier Fabrikgebäude viel Wert auf die gestalterische Entsprechung von Ansicht und Schnitt. 

   

Stefan Worbes, Fahrradfabrik in Braunschweig, 1988, Prof. Schulitz, Detailansicht und Schnitt
Friedhelm Seier, Haus der Architekten zwischen Fleeten in Hamburg, 1983, Prof. Ostertag, Fassadendetail

 

Eine der größten Herausforderungen bei der Entwicklung kraftschlüssiger Verbindungen ist zudem, komplexe Geometrien antizipieren und räumlich beherrschen zu können. Ungeachtet des Siegeszugs von CAD, von Laserfräse, 3D-Drucker und Robotik zeugen vor allem zeichnerische Lösungen in Form von Detail-Axonometrien sowie der "klassische" Modellbau davon. Matthias Rätzel klärt 1991 das Konstruktionsprinzip seines Verlags- und Druckereigebäudes für die Magdeburger Allgemeine Zeitung isometrisch. Julia Gill und Jan Pingel greifen für den Altonaer Bahnhof und das Weingut Frank & Frei zu Holz und Pappe, um so konstruktive Fügung, Montageablauf und ästhetische Wirkung zwar in Miniatur, aber dafür räumlich real zu erproben (xn).

   

Matthias Rätzel, Rotation. Verlags- und Druckereigebäude für die Magdeburger Allgemeine Zeitung, 1991, Prof. Schulitz, Isometrie Konstruktionsprinzip
Julia Gill, Nordexpress, 1997, Prof. von Gerkan, Modell
Jan Pingel, Weingut Frank & Frei, 2008, Prof. Roth, Detailmodell Konstruktion

 

Ein Übergewicht an Stahl- und Leichtbauaufgaben unter den hier vorgestellten Diplomen ist vielleicht auch mit Walter Henns herausragendem Beitrag zur Entwicklung des Stahlbaus zu begründen (Industrie). Die Spannbreite der bearbeiteten Themen und Materialien geht aber sicherlich weit darüber hinaus. Lutz Käferhaus zum Beispiel entwirft sein Kurhaus eines Badeortes von 1967 mit aufmerksamem Blick für die Details bis hin zur Untersicht der vorgeschlagenen Stahlbetonrippendecke und fügt mit Präzision Deckenstirn und Pflanzbecken aus Waschbeton-Fertigteilen zu einer harmonischen Einheit.

   

Lutz Käferhaus, Kurhaus eines Badeortes, 1967, Prof. Kraemer, Konstruktionsschnitt

 

Von den Professoren der Fächergruppen Konstruktion, Baustoffkunde, Industriebau und Statik Petersen, Kesselring, Schniete, Kristen und Herrenberger, die ebenfalls Diplomentwürfe betreut haben, liegen uns leider keine Arbeiten vor, während für die Braunschweiger Lehre bedeutende Professoren wie Klaus Pieper oder Berthold Burkhardt keine Abschlussarbeiten herausgegeben haben (Curriculum).

Mit Einführung des Master sind heute am Department Architektur auch wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Statik und Baukonstruktion möglich: Bartlomiej Jaroszewski geht 2014 als einer der ersten diesen Weg mit seiner Arbeit Modellierung eines Handlungsleitfadens zur Dokumentation von Bestandsgebäuden bei Professor Kloft. Architektonische Beiträge zur Grundlagenforschung maritimer Produktion und Energiegewinnung waren 2016 bei der Bearbeitung eines Offshore-Hubs bei Professor Karch gefragt. Ganz im Zeichen des Anthropozäns erprobt Justin Gibbons für das Tragwerk seiner Climate Mod Station dafür auch die technisch-konstruktive Beherrschung der Meere (Waterkant). 

   

Justin Gibbons, Climate Mod Station: Offshore-Hub/maritime Pilotarchitektur, 2016, Prof. Karch, Entwurfsvarianten
Justin Gibbons, Climate Mod Station: Offshore-Hub/maritime Pilotarchitektur, 2016, Prof. Karch, Konstruktionsisometrie

 

Christian v. Wissel