Umfang

Die Abgabeleistungen, welche die Professorenschaft von den Diplomandinnen und Diplomanden der TH und TU Braunschweig erwarteten bzw. welche die Studierenden zur Präsentation ihrer Entwürfe als notwendig und sinnvoll erachteten, wandelten sich im Laufe der Zeit sowohl hinsichtlich ihrer Art als auch in ihrem Umfang. Tendenziell wurden sie mit den Jahren etwas umfangreicher und vor allem weiter ausdifferenziert. So sind - bei aller individuellen Verschiedenheit - in manchen Phasen Gemeinsamkeiten und Gewohnheiten zu erkennen, ohne dass es je einen verbindlichen Standard gegeben hätte.

Üblicherweise dienten die von den Professoren der ersten Nachkriegsgeneration um Friedrich Wilhelm Kraemer und Dieter Oesterlen geforderten Abgabeleistungen in erster Linie der Dokumentation des Arbeitsergebnisses: Im Zentrum stand die zeichnerische Darstellung des Entwurfes, hinzu kamen in der Regel ein mehrseitiger Erläuterungsbericht, die Berechnung des umbauten Raums und ein Umgebungsmodell. Etwa die Sporthalle, die Ulrich Hausmann 1958 entwarf, Maren Lauers Treffpunkt am Schloßpark von 1967 und die 1972 von Erdal Dogrul entworfene Film- und Fernsehakademie Hamburg dokumentieren diese Art von Diplomarbeiten, die je auf Blättern einheitlicher Größe und einheitlichen Formats dargestellt sind. Bemerkenswert umfangreich ist der Entwurf Kulturzentrum Salzgitter Lebenstedt von Hinrich Storch (1961), der seine Zeichnungen auf 26 großformatigen Blättern fertigte. Ein solcher Diplomentwurf war finaler Teil der am Ende des Studiums konzentrierten Abschlussprüfungen, die aus einer Reihe mündlicher und schriftlicher Prüfungen in den Pflicht- und Wahlfächern bestanden.

   

Hinrich Storch, Kulturzentrum Salzgitter Lebenstedt, 1961, Prof. Oesterlen, vollständiger Plansatz der Abgabe

 

Welchen Einfluss die zahlreichen Reformen und Umstrukturierungen des Architekturstudiums sowie die Wechsel in der Professorenschaft dann je im Einzelnen auf die Diplomarbeiten hatten, muss an dieser Stelle offen bleiben. Die Wahrnehmung entscheidend verändert haben dürfte jedoch die Einführung studienbegleitender Prüfungen. Hierdurch bekam die Diplomarbeit als von den weniger gewichtigen Prüfungen deutlich abgesetztes Finale des Studiums noch einmal eine besondere Bedeutung, indem hier exemplarisch die entwerferische Befähigung der cand. arch. zu demonstrieren war.

Feststellen können wir, dass im Laufe der Zeit bei vielen Diplomen der Modellbau eine zunehmend wichtige Rolle spielte (xn). War beispielsweise bei Hochbauentwürfen in den Fünfzigerjahren üblicherweise nur ein Umgebungsmodell im Maßstab 1:500 oder 1:1000 gefordert, so wurde es später Usus, ein zweites Modell anfertigen zu lassen, welches das Gebäude detaillierter darstellte. Spätestens in den Achtzigerjahren veränderten sich mit einer neuen Generation von Hochschullehrern die Anforderungen an den Modellbau. So setzte Gerhard Auer 1983 den Bau eines Schnittmodells im Maßstab 1:100 auf die Agenda und Michael Drewitz fertigte ein solches an, um die Innenräume seiner Therme zu zeigen. Andreas Symietz stellte 1997 seinen Entwurf einer Stadthalle in Riga neben Zeichnungen in drei hölzernen Präsentationsmodellen verschiedenen Maßstabs dar. Hinsichtlich des Detaillierungsgrads und der Materialverarbeitung wurde der Modellbau aufwendiger und war oft nur durch professionelle Unterstützung in hochschuleigenen und externen Werkstätten (Zeichensaal) zu bewältigen. Zeitweise war es nicht ungewöhnlich, sich ein oder mehrere Modelle von Modellbauern bauen zu lassen.

     

Andreas Symietz, Stadthalle in Riga, 1997, Prof. von Gerkan, Modelle in unterschiedlichen Maßstäben

 

Großen Wert legten zahlreiche Hochschullehrer der zweiten und dritten Nachkriegsgeneration auf die Dokumentation des Entwurfsprozesses als Teil der Abgabeleistungen, und so waren nun in der Regel umfangreiche Skizzenbücher deren fester Bestandteil. Beispielsweise Gerhard Wagner legte zudem Wert auf Modellbauleisten, die an Hand mehrerer Arbeitsmodelle den Prozess des Entwerfens veranschaulichen sollten.

   

Thorsten Klöppelt, UN-College Insel Hammerstein, 2004, Prof. R. Schuster, Modellbauleiste

 

Nicht nur dadurch unterschieden sich Abschlussarbeiten der letzten Dekaden meist deutlich von den früheren, wie es beispielsweise das von Thorsten Klöppelt 2004 entworfene UN-College Insel Hammerstein (Riegel), Julian Buschs 2009 verfasste Zentrale der Olympischen Winterspiele 2018 in Innsbruck (Olympia), Dirk Terfehrs Küstenforum von 2013, das Szenario für die Seestadt Bremerhaven, das Anne Kettenburg 2014 als Master-Thesis entwickelte, (beide Waterkant) und die 2016 von Martin Franck erarbeitete Master-Thesis 5. Bauabschnitt der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig (xn) veranschaulichen.

   

Martin Franck, 5. Bauabschnitt der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig, 2016, Prof. Karch, Abgabematerialien (Auswahl)

 

Vielfach komponierten die Absolventinnen und Absolventen ohne strenge Vorgaben der Institute einen individuellen Reigen von Plänen und Objekten, die nach einem auf die räumlichen Gegebenheiten des von Meinhard von Gerkan und seinem Team entwickelten Architekturpavillons ausgelegten Hängeplan präsentiert wurden. Eine Vielzahl aufeinander abgestimmter unterschiedlicher Blattformate, in Holzrahmen montierte Zeichnungen und Materialcollagen oder filigrane Installationen, die Grenzen zwischen Modell- und Plandarstellung überspielen, waren zu etablierten Bestandteilen der Abgabeleistungen einer Braunschweiger Diplomarbeit geworden.

Dirk Terfehr, Maritima. Forum Küste, 2013, Prof. R. Schuster, Hängeplan

 

In wie fern die Studiendauer vom Umfang der geforderten Studienleistungen im und vor dem Diplom abhängig war und ist, kann an dieser Stelle nicht umfassend erörtert werden. Wir dürfen davon ausgehen, dass zahlreiche weitere Faktoren wie die jeweilige Baukonjunktur und damit verbundene Karrierewege, Möglichkeiten der Finanzierung des Studiums und der Zeitgeist jeweils entscheidenden Einfluss hatten auf die Frage, wann man sein Diplom machte, um damit das Architekturstudium nach zwölf, neunzehn oder auch mehr Semestern zu beenden (Jahrgang).

 

Arne Herbote