Vorgeschichte

1945 war auch für die Braunschweiger Architekturabteilung keine "Stunde Null". Wie in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens in Deutschland begann nach dem militärischen und politischen Zusammenbruch des Nationalsozialistischen Deutschen Reiches nicht alles auf einen Schlag neu, gab es personelle und strukturelle Kontinuitäten.

Die Bedeutung der Zäsur für die Architekturausbildung kann dennoch nicht überschätzt werden, denn jetzt wurden die ideologischen, politischen und finanziellen Voraussetzungen dafür geschaffen, Vorbilder für eine zeitgenössische Architektur des Aufbaus kennen zu lernen, für einen Teil der Studierenden mit allen Sinnen auf Exkursionen und teils in persönlicher Begegnung mit Protagonisten der damaligen Zeit (Aufbruch). Auch gelang es Friedrich Wilhelm Kraemer, der seit 1951 Leiter der Architekturabteilung war, die Neubesetzung von Professuren zu nutzen, um die vormalige Häufung und Mischung von Fächern zu entwirren und zu einer klareren Unterscheidung der Aufgaben und Zuständigkeiten zu kommen.

Wegbereiter des Braunschweiger Curriculums der Nachkriegszeit war jedoch bereits Carl Mühlenpfordt gewesen. Von 1919 bis zu seiner von den Nazis forcierten Entlassung 1934 hatte Mühlenpfordt leitende Ämter in der Hochschule inne. Er entwickelte in den Zwanziger Jahren Ideen zur Reform des Architekturstudiums. Das Entwerfen sollte stärker auf die Grundlage von Konstruktions-, Material- und Typologiestudien gestellt werden, durchaus mit gründlichem Blick auf die Baugeschichte. Mühlenpfordts Reformabsicht hatte mit der Entwicklung der Architekturabteilung im 19. Jahrhundert zu tun, deren Resultat eine formalistisch-historisch dominierte Entwurfslehre gewesen dar, die sich in Braunschweig bis weit in die Zeit der Weimarer Republik behaupten konnte.

Eine Geschichte der institutionellen Architekturausbildung in Braunschweig muss mindestens bis 1790 zurückblicken, als Johann Carl Kahnt hier ein "Architektonisches Zeicheninstitut" gründete. Als nach den Befreiungskriegen das Collegium Carolinum wiedereröffnet wurde, gewissermaßen Urahn der heutigen TU, berief man Kahnt als Lehrbeauftragten im Bereich der technischen Wissenschaften.

Einen Höhepunkt hatte die Entwurfsausbildung am Collegium zur Spätzeit des Klassizismus, als Carl Theodor Ottmer, Architekt des Braunschweiger Residenzschlosses, von 1841 bis 43 hier lehrte. Von Constantin Uhde, der zwischen 1871 und 1901 "Professor für Architektur, Baukunst der Antike, Mittelalter und Renaissance" war, stammt der Entwurf für den 1877 fertiggestellten Neubau des Polytechnikums und heutigen Hauptgebäudes der TU an der Pockelsstraße.

Umfassende Reformen während der 1860er und 70er Jahre führten schließlich zu Lehrplänen, in denen sich die Arbeitsteilung der modernen Gesellschaft und die Fachspezialisierung der Bauingenieure und der Architekten wiederspiegelte. Die baukünstlerische Entwurfslehre konzentrierte sich seitdem stark auf die Analyse von und Komposition mit historischen Baustilen. Mühlenpfordts Vorschläge zur Reform dieser Situation zeugen davon, wie anachronistisch die Stil-Entwurfslehre auch von Architekten wie ihm empfunden wurde, dessen Bauten durchaus nicht vom Gestus der Avantgarden sondern deutlich von Regionalismen und Tradition gekennzeichnet sind.

     

Im Zeichensaal der Architekturabteilung, Technische Hochschule Braunschweig, 1931. An der Wand eine Karikatur Carl Mühlenpfordts, Professor für Entwerfen und Gebäudekunde von 1914-1934. Abb.: Universitätsarchiv, TU Braunschweig

 

Am Beginn der NS-Zeit, die im Freistaat Braunschweig bereits vor 1933 begann, steht der "Braunschweiger Hochschulkonflikt", der auf das Agieren des Ministers für Inneres und Volksbildung und späteren Ministerpräsidenten des Landes Braunschweig, Dietrich Klagges, zurückzuführen ist. Klagges hatte Ambitionen, die Region Braunschweig - Wolfsburg - Salzgitter zu einem zentralen Forschungs- und Industriestandort des Reiches zu machen. Er hatte bereits 1931 Adolf Hitler ins Deutsche Reich einbürgern wollen, indem für diesen eine "Professur für organische Gesellschaftslehre und Politik" an der TH geschaffen werden sollte. Klagges scheiterte zwar mit seinem Vorhaben, griff aber ansonsten so massiv in die Braunschweiger Hochschulpolitik ein, dass es vermehrt zu Konfrontationen mit dem damaligen Rektor Carl Mühlenpfordt kam. 1934 wurde mit Mühlenpfordt schließlich der Teil der Braunschweiger Professorenschaft entlassen, der dem Regime aus politischen oder "rassischen" Gründen missliebig war.

Die einflussreichste Figur der Abteilung in der NS-Zeit war Emil Herzig. Als Architekt reüssierte Herzig vor allem mit Siedlungen im Heimatschutzstil. Von ihm stammt auch der Entwurf des Gebäudes, in dem sich heute das Braunschweiger Haus der Wissenschaften befindet. Von 1936 bis 43 war er Rektor der Technischen Hochschule und ab 1944 Dekan der Fakultät für Bauwesen. Herzig wurde 1945 aus politischen Gründen entlassen, kehrte aber 1953 im Status eines "Professors zur Wiederverwendung" wieder an die Hochschule zurück. Die Professoren Hermann Flesche (Baugeschichte, Kunstgeschichte und Städtebau) und Johann Daniel Thulesius (Architekturzeichnen und Raumkunst) blieben seit 1923 resp. 1919 über die politischen Zäsuren hinweg bis weit in die 1950er Jahre im Amt.

Nach der Wiedereröffnung der Technischen Hochschule im November 1945 wurden bald drei Lehrstühle neu besetzt: Johannes Göderitz für den Städtebau, und im Folgejahr Kurt Edzard für Modellieren und Friedrich Wilhelm Kraemer für Gebäudelehre und Entwerfen von Hochbauten. Kraemer hatte 1929 Diplom an der TH Braunschweig gemacht und Anfang der Dreißigerjahre als Assistent am Lehrstuhl von Carl Mühlenpfordt gearbeitet.

Die Braunschweiger Architekturausbildung der Nachkriegszeit bis Ende der 1950er Jahre muss vor dem Hintergrund dieses Neben- und Miteinanders verschiedener Generationen von Professoren betrachtet werden, deren Positionierung zur nationalsozialistischen Politik und Bauauffassung von der Konfrontation (Göderitz 1933) über verschiedene Belastungsgrade und Mitläuferschaft reichte.

   

Anwärter auf einen Studienplatz Architektur vor dem Hauptgebäude der Technischen Hochschule Braunschweig, Sommer 1946. Ein mehrwöchiges Praktikum bei den Trümmerbeseitigungs- und Aufbauarbeiten an der Hochschule war Voraussetzung, um das Studium zu beginnen. Abb.: Nachlass Horst Laskowski

 

Martin Peschken

 

 

Weiterführend: 

Böttcher, Roland/ Hartmann, Kristiana/ Lemke-Kokkelink, Monika: Die Architekturlehrer der TU Braunschweig 1814-1995, Braunschweig 1995.

Pump-Uhlmann, Holger: Architektur und Bauingenieurwesen. Differenzierung und Entwicklungslinien der Ausbildung - Braunschweig 1745-1918, in: Kerz, Walter (Hg.): Technische Universität Braunschweig. Vom Collegium Carolinum zur Technischen Universität 1745-1995, Hildesheim 1995, S. 231-254. 

Schmedding, Anne: Lehre in Braunschweig, in: Wilhelm, Karin et. al. (Hg.): Gesetz und Freiheit. Der Architekt Friedrich Wilhelm Kraemer (1907-1990), Berlin 2007, S. 102-110.

Paulus, Simon/ Knufinke, Ulrich: Braunschweig vor der "Braunschweiger Schule". Bemerkungen zur Selbstfindung einer Architekturschule, in: Philipp, Klaus-Jan/ Renz, Kerstin: Architekturschulen. Programm, Programmatik, Propaganda, bingen 2012, S. 145-157.