Waterkant

An Gewässern baute man in früheren Zeiten vorrangig, um ihre Ressourcen zu nutzen: Wasser als Energie, als Rohstoff, als Verkehrsweg. Seit jeher ist die Gestaltung solcher Lagen aber auch als reizvoll empfunden worden, erfreuen sie sich doch schon wegen ihrer räumlichen und atmosphärischen Sonderheit aller Aufmerksamkeit. Bei unserer Durchsicht der Abschlussarbeiten fiel uns auf, dass nicht nur die Lage am Wasser, sondern gerade die Schwelle, der Wechsel vom Land ins Wasser, vom Festen ins Flüssige, von der Materie ins Licht, etwas ist, das die Phantasie der Lehrenden wie der Absolventen offenbar ganz besonders beflügelt (Horizont).

Der Entwurf einer Fachhochschule für Nautik an der deutschen Ostseeküste von Claus Gabriel (1970) findet für diese Schwelle, die "Waterkant", ein eindrückliches Bild. Es handelt sich um eine künstliche Halbinsel, auf der eine Anlegestelle für Fähren mit Promenade und Café, das Schulgebäude selbst, sowie Wohnmöglichkeiten für Studierende und Lehrende untergebracht sind (Mega). "Es wird gewissermaßen", schreibt Prof. Kraemer in seiner Beurteilung, "ein multifunktionaler 'Dampfer' am Land verankert". Die grandiose Wirkung des in Kontrast zur amorphen Steilküste gesetzten, technischen Dings ist auch zeichnerisch suggestiv herausgearbeitet.

     

Claus Gabriel, Fachhochschule für Nautik Marina Holnis, 1970, Prof. Kraemer, Ansicht Nord
Norbert Figge, Rathaus der Stadt Schleswig mit Freizeiteinrichtungen an der Schlei, 1976, Prof. Ostertag, Ansichten vom Wasser

 

Zehn Jahre später stemmt sich Bernhard Gösslers Kongresshotel aus der Kieler Förde. Auch hier gewinnt der Kontrast zwischen scharfen architektonischen Formen und diffusen Lichtatmosphären besonders durch die Darstellungstechnik an Reiz: hier wurde der Farbauftrag mit Zahnbürsten "auf dem Sieb runtergeschrubbt", um die Leerflächen auf dem Blatt mit Pigmenten unterschiedlicher Dichte zu beflecken (Kittel). Diese 'erotische Aktion' auf dem Darstellungsmedium hat ihre Entsprechung in der Entscheidung, die Hotelzimmer des Kongresszentrums im benutzten Zustand zu zeigen.

   

Andreas Symietz, Stadthalle in Riga, 1997, Prof. von Gerkan, Lageplan

 

Ist bei Bernhard Gösslers und Andreas Symietz' Entwürfen das Besondere der Waterkant-Situation durch charaktervolle Spuren des Handwerks hervorgehoben, so gelingen in den letzten Jahren rechnergenerierte Darstellungen mit erstaunlichen illusionistischen Effekten. Die Entwurfsidee von Dirk Terfehrs Maritima Forum Küste (2013) ist das Festlegen einer Waterkant (Mole) durch den Menschen in einer amphibischen Zwischenwelt. Seine Entwurfsperspektiven betonen die Sinnlichkeit der Konstruktion der architektonischen Körper und Innenräume, die entlang der Mole angeordnet sind. Die Welt der Artefakte bildet hier zusammen mit der Wattlandschaft ein Spiel optisch und haptisch reizvoller Oberflächen.

   

Dirk Terfehr, Maritima. Forum Küste, 2013, Prof. Schuster, Perspektive

 

Zur fließenden Landschaft des Wattenmeers befindet sich die Situation von Hannes Hoßbachs Jules Vernes Zentrum für Ozeanforschung und Tiefseerobotik (2013) im größtmöglichen Gegensatz. Mit dem Umbau und der Erweiterung des U-Boot-Bunkers aus dem Zweiten Weltkrieg im Hafen von St. Nazaire taucht der Autor thematisch sozusagen unter die Waterkant hinab. Die zentrale Entwurfsidee ist eine "Dynamisierung der massiven Betondecke durch einen künstlichen Riss entlang der einzigen Querachse des Gebäudes. Dieser Eingriff orientiert sich formal an dem Vorbild der Plattentektonik des mittelatlantischen Rückens, die gleichsam eines der primären Gebiete der Tiefseeforschung darstellt" (Hoßbach).

     

Hannes Hoßbach, Jules Vernes Zentrum für Ozeanforschung und Tiefseerobotik St. Nazaire, 2013, Prof. Penkhues, Vogelperspektive
Hannes Hoßbach, Jules Vernes Zentrum für Ozeanforschung und Tiefseerobotik St. Nazaire, 2013, Prof. Penkhues, Innenraumperspektive

 

Weit in den Ozean hinaus verschiebt Justin Gibbons die "Front" der Architektur gegen das Wasser, in dem er mit seiner Climate Mod Station (2016) formal wie baukonstruktiv höchst anspruchsvoll die Rolle von Architektur im Anthropozän mit thematisiert. Wird einerseits die Widerstandskraft der Meeresplattform gegen die Naturgewalt eindrucksvoll und ganz als technologischer Kontrast inszeniert, so steht andererseits diese Forschungsarche im Zeichen einer kooperierenden statt explorativen Neukonzeption von Technologie.

   

Justin Gibbons, Climate Mod Station: Offshore-Hub/maritime Pilotarchitektur, 2016, Prof. Karch, Analyse: Offshore Konstruktionen, Nahrungskette, ozeanische CO2-Aufnahme
Justin Gibbons, Climate Mod Station: Offshore-Hub/maritime Pilotarchitektur, 2016, Prof. Karch, Perspektive

 

Die Schönheit der Bilder steht nicht im Zentrum von Anne Kettenburgs Masterarbeit von 2014. Sie öffnet einen diskursiven und phantastischen Raum, indem sie sich verschiedener Schrift- und Bildmedien bedient: (fingierter) qualitativer Sozialforschung, umwelttechnischer Forschungsberichte, Produktinformationsblätter, Informationsgrafik, Collage und Szenarienmodelle, um die Geschichte der Seestadt Bremerhaven vom Jahr 2243 aus zu erzählen (Umfang). Sie führt uns in das weder utopische noch dystopische, sondern "ganz normale Leben" auf und in der Waterkant einer von künftigen Klimakatastrophen gezeichneten Welt (Eutopos).

     

Anne Kettenburg, Seestadt Bremerhaven, 2014, Prof. Kiefer, Entwicklungsbericht
Anne Kettenburg, Seestadt Bremerhaven, 2014, Prof. Kiefer, Collage "streitende Leute"
Anne Kettenburg, Seestadt Bremerhaven, 2014, Prof. Kiefer, Collage "Bauer"

 

Martin Peschken

 

 

Weiterführend: 

Bachelard, Gaston: l'eau violente, in: ders.: l'eau et les reves. essai sur l'imagination de la matière, Paris 1942.

Holländer, Hans: Spiegel und Grenze. Wasser, Architektur und Malerei, in: Daidalos, 1986, 20, S. 36-53.