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Dreidimensionalität (x3) - bewusst provokant formuliert - kommt in der Architekturausbildung eher zu kurz. Dies soll nicht heißen, dass Architektur nicht im Denken über Raum seinen Ursprung nimmt und im zweidimensionalen Plan (x2) seine würdige Repräsentation findet (Perspektive). Aber zum Bauen selbst, zum Fügen von Räumen im Raum, finden die Studierenden, wenn überhaupt während des Studiums zumeist lediglich beim Büro- oder, besser noch, Baupraktikum. Der Ort wiederum innerhalb der TU Braunschweig, mit Materialität, Raum und Zeit zu experimentieren, liegt im Uhlenbusch, weit ab von den Entwurfslehrstühlen und noch immer scheint das dort angesiedelte Institut für Architekturbezogene Kunst für die Ausgabe von Abschlussarbeiten nicht vorgesehen zu sein. Was an handfesten Bauerfahrungen zum Abschluss des Studiums unter Beweis gestellt wird, entsteht somit vor allem in Miniatur im Zeichensaal oder in der hervorragend ausgestatteten Modellbauwerkstatt.

Das architektonische Objekt auf dem Tablett zu präsentieren ist dabei nur eine der Aufgaben des Modells. Schneiden und Kleben, Fräsen, Schleifen und Montieren dienen nicht nur der Erstellung makelloser Präsentationsmodelle, sondern auch der Suche und Lösung architektonischer Fragestellungen: Am Modell entwerfen ist, unabhängig von analogen oder digitalen Verfahren, ein wesentlicher Weg zur Formulierung und Überprüfung räumlicher Vorstellungswelten. Es ist in der Arbeit am Material, in der Tim Unnebrink zum Beispiel die Komposition seiner Kulturbrücke in Görlitz/Zgorzelec 2005 fügt und bricht; und auch Friedrich Pramann faltet sein Kulturzentrum für eine Stadt im Mittelmeerraum 1970 im Modell, in Streifen, aus der Umgebung empor. Simona Schröder (Kultur.Raum Amsterdam, 2016) nutzt die Möglichkeiten des Modellbaus zunächst, um das Verhältnis von Neu- und Altbau in Ausdruck und Masse zu befragen, bevor sie sodann auch die feinteilige Fügung unter Beweis stellt.

   

Simona Schröder, Kultur.Raum. The Amsterdam Centre for Cultural Heritage and Identity, 2016, Prof. Karch, Modellstudien
Simona Schröder, Kultur.Raum. The Amsterdam Centre for Cultural Heritage and Identity, 2016, Prof. Karch, Sprengmodell

 

Die Fülle der Herstellungstechniken, verwendeten Materialien und darstellerischen Absichten ist beachtlich: Carsten Zillich (1968) überprüft die Höhenstaffelung seines "regionalen Mittelzentrums" Wolfsburg am städtebaulichen Massenmodell (Trabant) und Wolfgang Wiechers (1971) führt im Umgebungsmodell den Nachweis über die bauliche Einbettung seiner Einrichtungen der Altenhilfe.

   

Wolfgang Wiechers, Einrichtungen der Altenhilfe in Braunschweig. Ein Beitrag zum Wohnen alter Menschen in der Stadt, 1971, Prof. Kraemer, Modell
Klaus Renner, Landessportschule, 1960, Prof. Oesterlen, Modell
Christian Wiethüchter, Computer-Schulungszentrum, 1971, Prof. Kraemer, Modell

 

Fabian Busse (2013; Q-bus) zeigt Tragwerk und Nutzung seines Eingriffs auf den Brooklyn Navy Yards im großformatigen Schnittmodell, während Jan Pingel (2008) die organisch anmutenden Weincocoons seines Weingut Frank & Frei plastisch vollendet im Detailmodell der Wirklichkeit vorwegnimmt. Ausdruck und Nähe zur Realität in der 3D-Arbeit verweisen dabei auf die sich verändernden technischen Hilfsmittel ebenso wie auf unterschiedliche Gewichtungen bezüglich des beabsichtigten Kommunikationsgehaltes oder künstlerischen Anspruchs. Sie sind zudem ein Hinweis auf die sich wandelnden Anforderungen an den Umfang des Diploms.

   

Fabian Busse, Brooklyn Navy Yards. Urban Sprout, 2013, Prof. Grüntuch-Ernst, Schnittmodell
Martin Franck, 5. Bauabschnitt der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig, 2016, Prof. Karch, Stundengläser
Jan Pingel, Weingut Frank & Frei, 2008, Prof. Roth, Detailmodell Weintanks

 

Als Objekte von außerordentlicher Expressivität fallen die Modelle von Oxana Krause (2003) und Julian Busch (2007) ins Auge. Sie stellen den aus ihnen sprechenden Entwürfen einen eigenständigen künstlerischen Ausdruck zur Seite.

   

Oxana Krause, Magiczny Plac - Stadthaus Krakau, 2003, Prof. Szyszkowitz, Modell
Julian Busch, Aerotopos 2018. Zentrale der Olympischen Winterspiele Innsbruck, 2009, Prof. Szyszkowitz, Modell

 

Alexander Butz macht den Modellbauprozess selbst zum Thema: in einer Videodokumentation (x4) zu seinem Diplom von 2007 zeigt er im Zeitraffer, wie sein FilmKultur Forum Zagreb auf dem Arbeitstisch in die Höhe wächst und dabei nun auch Montage und Bauablauf, das heißt Materialfügung und Zeit zusätzlich zur Entwicklung von Raum und Gebäudevolumen im Modell simuliert.

 

Christian v. Wissel