Zeichensaal

Wir dürfen davon ausgehen, dass die Mehrzahl der seit 1945 in Braunschweig angefertigten 5.003 Diplomarbeiten zu wesentlichen Teilen in einem der Zeichensäle entstand. Als Orte des Lernens von- und miteinander waren und sind diese "pulsierenden Herzstücke der Architekturausbildung" (Bart Lootsma) prägender Bestandteil des spezifischen Braunschweiger Profils der Architektenausbildung. Im Idealfall kamen in diesen studentischen Arbeits und Lebensräumen Persönlichkeiten mit sich ergänzenden Fertigkeiten, kompatiblen Arbeitsstilen und -zeiten zusammen, lernten einander kennen und schätzen, schlossen oft lebenslange Freundschaften, die in zahlreichen Fällen in gemeinsame Bürogründungen mündeten. Von einem Vorhandensein von "Zeichensaalfamilien" kann in vielen Fällen die Rede sein. Zeichensaaltreffen bis ins hohe Lebensalter und die Zeichensaalatmosphäre mancher "Braunschweiger" Büros zeugen von der Kraft dieser Bindungen. Dem gemeinsamen Durchleben der intensiven Phase der Diplom-Entwürfe darf dabei eine besondere Bedeutung zugemessen werden.

Die Diplomanden erfuhren oft eine Unterstützung durch ihre Zeichensaal-Kollegen - beginnend etwa mit der gebührenden Standparty zur Meldeausstellung bis hin zur Mithilfe beim Fertigstellen der Abgabeleistungen, Modelltransport, etc. Ohne diesen Rückhalt in und aus diesen Kreativitätsräumen wäre nicht nur mancher Studienverlauf, sondern auch manche Diplom-Phase weniger erfolgreich verlaufen. Die Diplomarbeiten reiften im zeichensaalinternen Diskurs, indem die Diplomanden ihre Konzepte zur Debatte stellten, man sich gegenseitig über die Schulter schaute, einander den Umgang mit Collagetechniken, Kurvenlinealen, Rendering-Software und Pigmentpulver beibrachte (Kittel). Das tatkräftige Helfen jüngerer Semester beim Umsetzen der Entwürfe in abgabereife Pläne und beim über die Jahrzehnte immer aufwendiger werdenden Modellbau (xn) war jahrelang eine Teamarbeit fördernde und trainierende Selbstverständlichkeit. Gerade beim Diplom-Helfen in den Zeichensälen bereiteten sich viele mehrere Semester lang auf das eigene Finale vor. Die umfangreichen Helferlisten etwa in den Diplomreadern der Neunziger- und Nullerjahre veranschaulichen diese Praxis eines "ungeschriebenen Generationengesetzes, dass alle Jüngeren den Älteren helfen" (Jan Pingel, Diplom 2008). Dieses Konzept einer Studiengemeinschaft, dem manche Studierende einige Semester ihres intensiven und langen Studiums widmeten, scheint über die Jahrzehnte zur DNA des Braunschweiger Zeichensaalwesens gehört zu haben.

 

Arne Herbote

 

 

Weiterführend:

Lootsma, Bart: Soziale Kondensatoren, in: Haid, Elisabeth/ Prossliner, Judith (Hg.): Architektur Zeichensaal 4. Diplomarbeiten aus einem Innsbrucker Zeichensaal, 2007-2011, Wien 2011, S. 36-49.

Verband Deutscher Studentenschaften/ Fachverband Architektur (Hg.): Studienplan für Architekten (Diplomingenieure). Vorschlag zu einer Reform des Architekturstudiums an den Technischen Hochschulen der Bundesrepublik und der Technischen Hochschule Berlin, Braunschweig 1964.