Braunschweiger Schule

Es versteht sich von selbst, dass die architektonischen Leitbilder und die Struktur der Lehre 1950 nicht dieselben sind wie 1980 oder 2010. Was also eine "Braunschweiger Schule" ausmacht, muss entsprechend konkreter bestimmt werden, sobald ernsthaft davon die Rede sein soll. Das gesamte Findbuch-Projekt macht sich in diesem Sinne zur Aufgabe, "Braunschweiger Schule" nicht als Branding erstarren zu lassen, sondern den Begriff diskursiv und zukunftsoffen aufzufassen. Zur Orientierung folgt eine kurze Skizze zum Ursprung des Begriffs.

Zwei Quellen lassen sich ausmachen, die beide in die erste Hälfte der 1950er Jahre zurück gehen. Nach der Erinnerung von Justus Herrenberger, der 1947 an der TH Braunschweig sein Diplom gemacht hatte und hier von 1959 bis 1985 Baukonstruktion lehrte, kam das Schlagwort in der deutschen Architektenszene auf, als Professoren und selbst Studierende seiner Hochschule auffallend häufig Wettbewerbsausschreibungen für sich entscheiden konnten.

Demnach wäre der Begriff ursprünglich eine Zuschreibung von außen, halb anerkennend, halb neidvoll-despektierlich. Zu vermuten ist, dass mit dieser Fremdbezeichnung nicht nur ein Personenkreis gemeint sein sollte, sondern auch eine wiedererkennbare "Braunschweiger" Handschrift, die in jener Zeit bei den Jurys eben gut ankam. Kristiana Hartmann hat dies rückblickend als einen "undogmatischen Funktionalismus" beschrieben, als besondere Ausprägung einer am International Style geschulten "reduzierten und sachlichen Ästhetik, mit der aber auch emotionale, soziale und humanitäre Motive verbunden wurden."

Die erste schriftliche Quelle für den Begriff, sie stammt aus dem März 1954, hat Karin Wilhelm ausfindig gemacht in einem Brief der Fachschaft Architektur an Friedrich Wilhelm Kraemer, Professor für Gebäudelehre und Entwerfen von Hochbauten. Kraemer, der gerade einen Ruf an die TU Berlin erhalten hatte, sollte darin zum Bleiben in Braunschweig bewegt werden. Es habe sich unter seiner "Führung eine geistige Gemeinschaft gebildet, die unter dem Namen 'Braunschweiger Schule' in der deutschen Fachwelt zu einem festen Begriff geworden ist". Hier handelt es sich also um eine Selbstbeschreibung aus den Kreisen der Hochschule, - möglicherweise als Umdeutung und Aufwertung des in der Szene kursierenden Schlagwortes. Festzuhalten ist, dass es in dem Brief der Fachschaft nicht um einen Stil, sondern um eine "geistige Gemeinschaft", also ausdrücklich um eine Haltung ging. F. W. Kraemer verkörperte über Jahrzehnte diese Haltung in seinen regelmäßigen Vorlesungen, den so genannten Freitags-Andachten, die zu hören für die gesamte Studentenschaft offenbar selbstverständlich war.

Dieter Oesterlen, von 1952 bis 1976 Professor für Gebäudelehre und Entwerfen, meint sich zu erinnern, dass weder er noch Kraemer den Begriff "Braunschweiger Schule" selbst je verwendet hätten. Zugleich betont er, dass "die Zeit nach dem Kriege und die daran anschließende voller Intensität und frühlingshafter Erwartung und vielleicht dadurch geeigneter als die heutige" gewesen sei, um von der Bildung einer Schule zu sprechen. Er schrieb das 1987. Also: Begriff und Programm einer Braunschweiger Schule? Nein. Übereinstimmung in der Ausrichtung der Leere? Ja. Dazu gehörte laut Oesterlen gerade ein Bekenntnis zu den Unterschieden in den Entwurfspositionen und Persönlichkeiten bei gleichzeitigem kollegialem Zusammenhalt. Gelebt wurde dieser Zusammenhalt in Gepflogenheiten des Studiums, wie etwa der obligatorischen Meldeausstellung oder der Tatsache, dass wenigstens einer der "Pflichtentwürfe des Studiums in konstruktiver oder haustechnischer Hinsicht durchgearbeitet werden mußte." (Oesterlen)

Man kann sagen, dass bis in die 1960er Jahre bei der Fremdidentifizierung "Braunschweiger Schule" die Implikation einer formalen Wiedererkennbarkeit überwiegt, während damals bei der Eigenbestimmung formale Kennzeichnungen abgelehnt und Gemeinsamkeiten überhaupt nur in der Haltung  bzw. Prägung durch bestimmte Personen und ihre Lehre gesehen werden.

 

Martin Peschken

 

  

Weiterführend:

Böttcher, Roland / Hartmann, Kristiana / Lemke-Kokkelink, Monika: Die Architekturlehrer der TU Braunschweig 1814-1995, Braunschweig 1995.

Konflikt

Paulus, Simon / Knufinke, Ulrich: Braunschweig vor der "Braunschweiger Schule". Bemerkungen zur Selbstfindung einer Architekturschule, in: Philipp, Klaus Jan / Renz, Kerstin (Hg.): Architekturschulen. Programm - Pragmatik - Propaganda, Tübingen / Berlin 2012, S. 145-157.

Wilhelm, Karin: Gesetz und Freiheit. In: dies. et. al. (Hg.): Gesetz und Freiheit. Der Architekt Friedrich Wilhelm Kraemer (1907-1990), Berlin 2007, S. 14-21.