Freitags-Andacht

Ulrich Conrads schrieb 1961, "daß ganz in der Stille so etwas wie eine 'Braunschweiger Schule' Umriß gewinnt." Sehr vorsichtig ist das ausgedrückt, offenbar um die Wahrnehmung der Beispiele, die er nachfolgend zeigt, nicht mit einem Etikett zu verkleben. Zwar räumt er ein, es möge "auf den ersten Blick scheinen" als seien die Braunschweiger Schüler "lauter 'kleine Kraemers'", bei näherem Hinsehen erwiesen sie sich jedoch als Individualisten, "die zur Unterscheidung ihrer selbst keine architektonischen Ringelsocken gebrauchen, sondern einzig und allein ihren eigenen Kopf, ein gerüttelt Maß Selbstkritik und ein verlässiges Architekten-Handwerk."

Mit diesem Handwerk ist gewiss das besondere know-how in den technisch-konstruktiven Fächern gemeint. Diese nehmen in der Braunschweiger Ausbildung seit der Zeit der Weimarer Republik einen besonders hohen Stellenwert ein, als sich Carl Mühlenpfordt für eine Reform des Curriculums einsetzte (Vorgeschichte). Bei Mühlenpfordt hatte auch der bei Conrads erwähnte Friedrich Wilhelm Kraemer (1907-1990) studiert und später auch als dessen Assistent gearbeitet. Woher aber kamen Selbstkritik und Gebrauch des eigenen Kopfs, die Ulrich Conrads als Kennzeichen der Braunschweiger betont wissen will?

Eine mögliche Antwort ist in den so genannten Freitags-Andachten zu finden, wie Studierende und Kollegen Kraemers wöchentliche und auch von der Braunschweiger Gesellschaft verfolgte Vorlesungen betitelten. Der "spiritus rector" der Braunschweiger Architekturschule (Conrads) verstand es, sich mit einer besonderen Aura zu umgeben, die seinem Vortrag sicher das entsprechende Gewicht verlieh. Die Vorlesungen waren eher als tour d'horizon und als Schule des Sehens angelegt. Es sei ihm darum gegangen, schreibt Kraemer rückblickend vom Jahr 1988, die Elemente der Baugestaltung in ihren historischen Erscheinungsformen darzustellen, um auch die zeitgenössischen Beispiele - von Gropius, Jacobsen und Mies bis zu Saarinen, Aalto und Le Corbusier - als Verkörperungen oder Abweichungen von "hier waltenden Gesetzen einer höheren Ordnung" zu erkennen (Brief an Berthold Burkhardt, 2.2.1988).

Für die Ausbildung einer konsistenten Architekturtheorie ist Kraemers unbedingter Versuch, humanistische Tradition und Moderne zusammen zu denken, nicht unproblematisch, wenn auch durchaus typisch für die intellektuelle Kultur der frühen Bundesrepublik. Aber es geht ihm in den "Andachten" vor allem darum, das Bild des Architekten als Generalisten hochzuhalten, und er denkt dabei zuerst nicht etwa an dessen Kompetenz als ausübender Architekt, sondern an eine umfassend gebildete Persönlichkeit. In fast goethescher Manier beschreibt er in dem schon erwähnten Rückblick von 1988, wie es in seiner Vorlesung um die Gewinnung einer Entwurfshaltung, und nicht um eine spezifische Entwurfsmethode ging: "Wir lernten an ihnen [den Beispielen der Vergangenheit, MP] die immanenten Gesetzmäßigkeiten der Gestalt und ihrer Fügung und erlebten beglückt, die Wirkung historischer Architekturen nicht mehr nur staunend entgegennehmen zu müssen, sondern ihre Wirkung begreifen und herleiten und für unsere eigenen Entwürfe wieder anwenden zu können". Wer derart geschult auf die Strömungen der zeitgenössischen Architektur blickte, so darf man vermuten, der nahm wohl auch das von Ulrich Conrads genannte "gerüttelt Maß Selbstkritik" mit ins Berufsleben. 

 

Martin Peschken

 

 

Weiterführend:

Conrads, Ulrich: Lehrstühle und Leerstühle, in: Bauwelt, 52 Jg., 1961, 11, S. 305.

Wilhelm, Karin et. al. (Hg.): Gesetz und Freiheit. Der Architekt Friedrich Wilhelm Kraemer (1907-1990), Berlin 2007, insbesondere die Beiträge von Wilhelm, von Gerkan, Schmedding und Fendt.