Findbuch

Findbücher sind Hilfsmittel, um sich in Archiven einen Überblick zu verschaffen. Als Listen von Stichwörtern, Materialtypen oder Zeitangaben lichten sie das Dickicht der im Archiv angesammelten Dokumente und weisen dem Benutzer Wege auf, sich das hier gespeicherte Gedächtnis zu erschließen. Gehen muss man diese Wege jedoch selbst und 'Sinn' aus der Flut von Informationen erst herstellen.

Damit ist der metaphorische Kern des Titels "Findbuch Braunschweiger Schule" skizziert: uns erscheint eine kohärente Definition der Braunschweiger Schule über einen Zeitraum von sieben Jahrzehnten schlechterdings nicht möglich. Damit ist unser Findbuch ein Versuch, entgegen des Gebots der Aufmerksamkeitsökonomie den Begriff weder als 'Marke' noch als 'Mythos' zu stärken, auch wenn der Ruf nach einem solchen strategischen Instrument verständlich ist. Als Identifikationsangebot, so lautet unsere Überzeugung, taugt der Begriff nur, wenn er als Aufforderung verstanden wird, ihn jeweils neu mit Inhalt und Leben zu füllen.

Das indexikalische System von A bis Z suggeriert Neutralität, aber die Stichworte selber sind heuristisch. Plausibilität haben sie gewonnen durch fortwährende Anschauung und Diskussion im Kuratoren- bzw. Redaktions-Team. Die Stichworte lassen sich vier verschiedenen 'Perspektiven' zuordnen, die der kuratorische Blick einnimmt. Da sind erstens die Bauaufgaben, die zu bestimmten Zeiten oder sogar über die gesamten sieben Jahrzehnte für die Braunschweiger Studienabschlüsse bestimmend sind (etwa Auto, Flughafen oder Herd). Zweitens treten zentrale Gestaltungsideen bei der Lösung von Aufgaben hervor (Band oder Tragwerk). Die dritte Perspektive richtet sich auf den Einsatz von Darstellungstechniken (Kittel, Perspektive oder xn), und die vierte betrachtet schließlich die Bedingungen und die 'Kultur' des Studiums in Braunschweig (vom Curriculum über Master zum Zeichensaal). In der Zusammenschau von Arbeiten aus verschiedenen Zeiten nehmen wir so zugleich punktuell diachrone Tiefenbohrungen vor.

Wenn eine Arbeit unter einem bestimmten Stichwort gezeigt wird, so glauben wir indessen nicht, sie damit ein für allemal auf diesen Begriff gebracht zu haben. Unser kuratorischer Blick auf dieses Blatt oder jenes Modell ist ein 'Sehen-Als' im Wittgenstein'schen Sinn, das heißt, alternative Blicke sind emphatisch mitgedacht. Aus diesem Grund werden zahlreiche Arbeiten auch unter verschiedenen Stichworten gezeigt. Wie man's ihnen abliest, ist der Charakter dieser Stichworte nicht wissenschaftlich-streng, sondern sozusagen essayistisch und wie das Findbuch zur Braunschweiger Schule insgesamt als Aufforderung zu verstehen, sich auf unser 'Sehen-Als' einzulassen oder auch, es zu verwerfen und Alternativen zu finden. Hinter solchen Deutungen bilden sich die Konturen eines Archivs ab, die in Zukunft noch deutlicher hervortreten mögen, sei es in einzelnen Untersuchungen oder auch in der Erweiterung dieser digitalen Sammlung durch weitere Stichworte und selbstverständlich auch weitere ältere und künftige Abschlussarbeiten. Vorschläge dazu sind sehr willkommen!

 

Martin Peschken

 

  

Weiterführend:

Gisbertz, Olaf: Marke und Mythos - "Braunschweiger Schule", in: Philipp, Klaus Jan/ Renz, Kerstin (Hg.): Architekturschulen. Programm - Pragmatik - Propaganda, Tübingen/ Berlin 2012, S. 159-171.