Trabant

"Wohnen wie gewohnt?" fragt Jörg Pollex 1990 in seiner Diplomarbeit bei Prof. Ostertag - und kommentiert sogleich seine Bauvorschläge für Braunschweig (Oker) mit einem ins Weltall aufsteigenden "Astrourbanauten". Die Aussage ist eindeutig: "planetarischer Urbanismus" (Neil Brenner) verlangt auch von uns Braunschweigern, über den Tellerrand der Erde hinauszublicken: die Zukunft der Stadt liegt in der Kolonisation des Universums.

Sicherlich provokativ überzeichnet, ist das Bild vom "Weltraum-Städter" dennoch trefflich gewählt. Schon vor der Erfahrung einer alles unterwerfenden Verstädterung und ihrer Konsequenzen haben Stadtplaner und Architekten den großen Traum von neuen Himmelskörpern des Urbanen materialisiert. Gartenstädte, Großsiedlungen und ganze Neustädte sollten den Metropolen als Satelliten beistehen, um so deren Wachstum in die Zukunft zu lenken.

   

Jörg Pollex, Wohnen wie gewohnt, 1990, Prof. Ostertag, Lageplan

 

Die Diplomentwürfe von Ernst-Detlef Kohl (1965) und Carsten Zillich (1968) sind solche Trabanten. Münster wird da durch die Wohnsiedlung Gievenbeck erst zum Ganzen und Wolfenbüttel zu einem regionalen Mittelzentrum ausgebaut, um die Urbanisierung Ost-Niedersachsens auf die rechte Bahn zu führen. In beiden Fällen, so scheint es in den Modellen angedeutet, sollen industriell vorgefertigte Massenbauten den neuen Städten zu einer dem Zeitgeist entsprechenden baulichen Materialisierung verhelfen. Die autogerechte Anbindung wie auch die Realisierung in Bauabschnitten entspricht dabei der Logik des "Anhängers" und "Weggefährten" (was der Begriff Trabant ursprünglich bedeutet) bis heute: noch immer lenken Mobilität und Wachstum unser Denken, auch wenn wir das Heil der 'guten Stadt' nunmehr in anderen Kleidern suchen (Eutopos).

 

Ernst-Detlef Kohl, Wohngebiet Münster Gievenbeck, 1965, Prof. Jensen, Modell
Ernst-Detlef Kohl, Wohngebiet Münster Gievenbeck, 1965, Prof. Jensen, Standorte der Folgeeinrichtungen
Carsten Zillich, Wolfenbüttel. Ausbau eines regionalen Mittelzentrums, 1968, Prof. Strizic, Modell

   

Wie hat sich der städtische Trabant also über die Jahrzehnte gewandelt? Mit der Auflösung ihrer baulichen Grenzen seit dem 18. Jahrhundert und der Entfesselung der Geschwindigkeit und Überwindung des physischen Raums bis heute ist das, was wir gemeinhin 'Stadt' nennen, wohl besser als Teil der Region und als Knotenpunkt globaler Beziehungen zu verstehen. Wenn aber die Stadt "überall und in allem" ist (Ash Amin und Nigel Thrift), wer bewegt sich dann noch als Satellit um wen? Und wo geht die Reise hin? Die Großsiedlung auf der grünen Wiese zumindest ist als Wegweiser urbaner Zukunft inzwischen abgelöst von multi-nodalen Agglomerationsräumen mit ihren sub- und peri-urbanen Stadt-Land Kontinuen, widersprüchlichen Insel-Urbanismen und selbstreferenziellen wie weltumspannenden Mobilitätskorridoren.

Einen Notausgang haben Städte, wie auch das "Raumschiff Erde" (Richard Buckminster Fuller) das sie trägt, sicherlich nicht. Was bleibt, ist die Suche, wie und wo Städte bauen?, der sich heute an der TU Braunschweig die Studierenden gleich an zwei städtebaulichen Instituten widmen.

 

Christian v. Wissel, 2017

 

 

 

Weiterführend:

Amin, Ash / Thrift, Nigel: Cities. Reimagining the Urban, London 2002.

Brenner, Neil: Critique of Urbanization. Selected Essays, Bauwelt Fundamente 156, Basel 2017.

Crutzen Paul u. a.: Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang, Frankfurt a.M. 2011.