Master

Die Zukunft Europas entscheidet sich nicht zuletzt in der Bildung. Vergleichbarkeit der Lehre herzustellen und Hürden in der Anerkennung von Studienleistungen abzubauen entspricht im akademischen Bereich dem politischen Ideal von Zusammenarbeit und Austausch. Die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse liegen also im Interesse der Studierenden und Lehrenden und kommen zugleich einem bildungspolitischen Eutopos nahe, der die denkbar beste Ausbildung für Architekten im Hier und Jetzt Europas zu gestalten versucht. Doch nicht alles läuft rund mit dem sogenannten Bologna-Prozess.

Da sind zum Beispiel die innerdeutschen Auswirkungen einer verbesserten, kontinentweiten Mobilität von Studierenden. "Universitäten" und "Hochschulen" werden nun in der Ausgabe von Bachelorabschlüssen als gleichwertig gehandelt, müssen aber mit sehr unterschiedlichen finanziellen und personellen Rahmenbedingungen haushalten - eine strukturelle Benachteiligung, die sich allenfalls durch besonders hohe Motivation und ausgezeichnete Studienprogramme an den ehemaligen Fachhochschulen kompensieren lässt.

Auch sehen sich viele Fakultäten nicht mehr in der Lage - oder wollen sich nicht in der Lage sehen -, ihren "Zöglingen" des ersten Studiengangs eine Garantie zu geben, die begonnene Architekturausbildung am gleichen Standort, im zweiten Studiengang, fortzuführen. War der Wechsel vom Vor-Diplom ins Haupt-Diplom früher an das Bestehen hausinterner Prüfungen gebunden, müssen sich die Studierenden heute dem Wettbewerb zwischen den Ausbildungsstätten stellen - und bleiben so aufgrund reduzierter Studienplatzzahlen im Master oft an der eigenen Alma Mater auf der Strecke. Freizügigkeit wird hier also zur Pflicht. Die Möglichkeit, mit der dem Fach angemessenen Lehrzeit in die Architektur "hineinzuwachsen", - was frühere Jahrgänge mit Studien-Verweildauern von bis zu 19 Semestern gerne taten - ist heute also keine Option mehr.

Ganz im Gegenteil befördert die Verrechnung aller Studienleistungen in Credit Points eine Mentalität, entsprechend derer Studierende mehr auf kurze Studienzeiten und Konformität mit dem Studienverlaufsplan achten, als darauf, ihre Interessen und Stärken individuell zu entwickeln. Zynischerweise wird der Bachelor im gleichen Atemzug als "zu kurz" kritisiert, um Architektur in ihrer ganzen Breite und Tiefe zu vermitteln - was der formale Abschluss eines eigenständigen Studiengangs "Bachelor in Architektur" als Anspruch aber suggeriert. Mit Recht! will man rufen, widerstehen die Berufskammern also dem Diktat aus Brüssel und verweigern dem Nachwuchs der Zunft die Vorlageberechtigung als Architekt bis zum erfolgreichen Abschluss eines weiteren, vierten Bachelorjahres oder der Erlangung des Masters. Aber auch: welch Unrecht! den Studierenden gegenüber, ihnen einen Abschluss ohne Abschluss zu verkaufen. Nun herrscht Konfusion wo doch der Abbau von Hürden das erklärte Ziel war.

Zur Verteidigung des neuen Systems sei aber auch erwähnt, dass vormals die "ganze" Ausbildung auch nicht unter fünf Jahren Regelstudienzeit zu haben war. Als Gewinn der Neuerungen können zudem die erweiterten Möglichkeiten der Spezialisierung geltend gemacht werden wie auch die wachsende Diversifizierung der Abschlussfächer und ?themen, die der Master nun vorhält (Curriculum).

Schließlich verwundert wohl am meisten, dass ganz im Gegensatz zur Intention von Bologna weniger Studierende während ihres Studiums ins Ausland gehen als noch vor dem Versprechen einer europaweit zugänglichen Bildungslandschaft. Die hörige Befolgung der Studienverlaufspäne kann dafür nur einer der Gründe sein, viel bedeutsamer erscheint die Verinnerlichung pan-europäischer oder sogar weltweiter Möglichkeitsräume, die es den Studierenden von heute gestattet, sich den Auslandsaufenthalt auch als Festanstellung in Büros in Kopenhagen, Madrid und Bratislava (aber auch über die EU hinaus in London, Dubai oder São Paulo) nach der Uni vorzustellen.

Was Berufseinsteiger dafür brauchen, sind zunächst Studienleistungen und Abschlüsse von herausragender Qualität. Das Gefühl einer europäischen Identität aber - und sei sie noch so bescheiden, als dass sie sich in der auch mühseligen Vereinheitlichung der Studienbezeichnung ausdrückt - ist das Fundament, von dem aus Grenzen zu überwinden und europäische Gemeinschaft zu leben sind. Mit ihren Biographien, wie auch immer wieder mit ihren Abschlussarbeiten, bauen die jungen Architekten und Architektinnen dann am Haus Europa.

 

Christian v. Wissel, 2017

 

 

 

Weiterführend:

Göres, Joachim: Architekturstudium. Jagd nach Credit Points (Karriere), in: sueddeutsche.de, 11. November 2015, www.sueddeutsche.de/karriere/architekturstudium-jagd-nach-credit-points-1.2730155.

van Mol, Christof: Intra-European Student Mobility in International Higher Education Circuits: Europe on the Move, London / New York 2014.