Aufbruch

War das alltägliche Leben in den ersten Nachkriegsjahren selbstverständlich auch für die Studierenden der Architektur geprägt von Verlust und Entbehrung, so stellte der bevorstehende Aufbau Deutschlands für sie doch eine Zeit voller Chancen in Aussicht, die sich, als das Wirtschaftswundergeld kam, auch zumeist erfüllten. Angehörige der TH Braunschweig gewannen in den 1950er Jahren überdurchschnittlich viele der Architekturwettbewerbe im Land. Das provozierte in der Fachwelt die Rede von einer Braunschweiger Schule, die sich die Braunschweiger selbst damals allerdings nicht recht haben zu eigen machen wollen.

 

Helga Herrenberger, Marionettentheater am Löwenwall, 1948, Prof. Kraemer, Städtebauliche Lage
Helga Herrenberger, Marionettentheater am Löwenwall, 1948, Prof. Kraemer, Skizze

 

Unser ältestes Diplom - das Marionettentheater von Helga Herrenberger, Ende 1948 den Professoren Kraemer und Thulesius präsentiert - zeugt vom Versuch, Tendenzen der damaligen Architekturmoderne mit einer Einpassung in den klassizistischen Städtebau des Braunschweiger Löwenwalls zu verbinden. Aufbruch oder Reparatur? Das war in Braunschweig durchaus kein Gegensatz - entgegen dem Klischee von der 'Zweiten Zerstörung' in der Nachkriegszeit. Die lichter werdenden Räume machen sich von der schweren Drohgebärde der jüngsten, faschistischen Vergangenheit frei, ohne die ältere Tradition ganz zu vergessen. Die Darstellungen, z.B. auch des Bahnhofs für Uelzen (Ernst-Willi Schüler), zeigen eine Architektur für Menschen mit leichtem Gepäck, aber eben nicht ohne Erinnerung.

 

Willi-Ernst Schüler, Empfangsgebäude Bahnhof Uelzen, 1949, Prof. Kraemer, Empfangshalle und Ansichten

 

Exkursionen Friedrich Wilhelm Kraemers mit Studierenden, 1951 zu den Zentren der zeitgenössischen skandinavischen Architektur und 1955 dann in die USA, hinterließen tiefe Eindrücke, die sogleich in den Gestaltungen der Diplomarbeiten Niederschlag finden.

Der Eleganz des Internationalen Stils hat sich Hans-Joachim Pysall in seinem Entwurf einer Sparkasse in Osnabrück (1955) verschrieben. Er löst das Raumprogramm der Kassenhalle und Büros in zwei Gebäudekörper auf - flacher Kubus und siebengeschossiger Riegel - und erzielt damit in Variation der Struktur des Lever House eine besondere städtebauliche Spannung. Eine Entwurfsidee, nach der in den späten Fünfzigerjahren bundesweit zahlreiche Bankgebäude realisiert worden sind.

 

Hans-Joachim Pysall, Entwurf einer Sparkasse, 1955, Prof. Kraemer, Modellansicht

 

Diese Architektur postuliert, so kann man sagen, im bewussten Anschluss an das internationale Architekturgeschehen den Aufbruch für die deutsche Nachkriegsgesellschaft und "legte im Gegenentwurf einer als demokratisch beschworenen Architektur aus Stahl und Glas Zeugnis ab von einer der düstersten Phasen der deutschen Geschichte" (Karin Wilhelm). Das demonstriert gut der Entwurf für ein Konzert- und Kongressgebäude Frank Sommerfelds von 1954, der die Ruine des Braunschweiger Schlosses mit einbezog, - ein Thema mit dem sich auch Sommerfelds Betreuer Friedrich Wilhelm Kraemer zu dieser Zeit intensiv auseinander setzte.

 

Frank Sommerfeld, Entwurf für ein Konzert- und Kongressgebäude, 1954, Prof. Kraemer, Ansicht
Frank Sommerfeld, Entwurf für ein Konzert- und Kongressgebäude, 1954, Prof. Kraemer, Titelblatt

 

Drei Aufgabenbereiche dominieren die Diplomentwürfe der ersten zehn Jahre nach dem Krieg: Geschäftsbauten, Kultur- und Erholungsbauten sowie Schulen. Es ist auffällig, dass die dringendste Bauaufgabe der Zeit, der Wohnungsbau, in den Diplomarbeiten so gut wie keine Rolle gespielt hat. Zwar beschäftigten sich Justus Herrenberger und Hans Broos 1947 mit einer Studie zum Wiederaufbau des Hagenmarkts (leider nicht erhalten), aber auch hier ging es mehr um die Komposition des städtebaulichen Ensembles als um die Herstellung von Wohnraum. In Horst Goebels Bebauungsplan im Bereich des städtischen Verkehrskreuzes Augusttor in Braunschweig, 1955 von Johannes Göderitz betreut, spielt das Wohnungsprogramm schon eine bedeutendere Rolle, wenngleich hier ebenfalls die Komposition des Straßenraumes im Vordergrund steht.

 

Horst Goebel, Bebauungsplan im Bereich des städtischen Verkehrskreuzes Augusttor in Braunschweig, 1955, Prof. Göderitz, Ansicht und Grundrisse

 

1989 stellt auch für die Architektur eine historische Zäsur dar, die unter den Absolventen der späten Achtzigerjahre einen neuen Aufbruchsgeist aufkommen ließ (Europa Demokratie). Das Geschehen jenseits des nun gefallenen "Eisernen Vorhangs" überlagerte allerdings den schon bestehenden Trend zu einem globalisierten Architekturbetrieb (Global). Peter Ruges Diplom Olympiade 2004 in Hamburg von 1988 ist in diesem Kontext des Aufbruchs zu sehen. Seine Vision für die Neuordnung Hamburgs markiert das Ende der Nachkriegszeit und des deutschen Sonderstatus', indem die Stadt für den globalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit gerüstet werden soll. "Diese Stadt gilt es zu betrachten, zu analysieren, zu postulieren". Der Satz aus der Erläuterung zu Ruges Diplom illustriert, dass der Aufbruch sich hier nicht als stürmisches Stolpern in eine unbekannte Zukunft, sondern als planvolles Weiterbauen und Verbinden auf der Grundlage von Analysen gestalten sollte (Olympia).

 

Martin Peschken

   

 

Weiterführend:

Herrenberger, Justus: Im Gespräch mit Anne Schmedding, Tonaufzeichnung SAIB, Februar 2006.

Wilhelm, Karin: Gesetz und Freiheit,  in: dies. et. al: Gesetz und Freiheit. Der Architekt Friedrich Wilhelm Kraemer (1907-1990), Berlin 2007, S. 14-23.