Flughafen

Um 1960 machte der Flugzeugbau große Fortschritte in der Verwendung von energieeffizienten Strahlturbinen für Passagierflugzeuge. Dadurch konnte das Flugzeug allmählich zu dem Massenverkehrsmittel werden, als das wir es kennen. Für die Architektenschaft der Industrieländer ergab sich daraus zunächst ein großes Wettbewerbsangebot für Passagierflughäfen: eine Aufgabe, der nicht zuletzt wegen der technologischen Herausforderung und dem darin liegenden Zukunftsversprechen ein gewaltiges Prestige zukam.

In Braunschweig hatten die Professoren Kraemer, Göderitz und Petersen bereits 1952 als Diplomentwurf Sportflughäfen und Fliegerschulen ausgegeben. Drei Jahre später wird dann erstmals ein Empfangsgebäude für den Passagierflughafen in Langenhagen (Hannover) als Aufgabe gestellt. Der reale Ausbau dieses Komplexes in den Sechzigerjahren motivierte ein umfassendes Forschungsprojekt am Lehrstuhl Zdenko Strizic, das im Archiv der TU (saib) u.a. mit Filmmaterialien dokumentiert ist, sowie eine erneute Diplomaufgabe für das Empfangsgebäude in Hannover im Jahr 1964. Dieses sollte für die Braunschweiger Architekturlehre langfristige Auswirkungen haben.

Meinhard von Gerkan diplomierte damals mit jenem spektakulären Konzept, dessen Weiterentwicklung zum Flughafen Berlin-Tegel der im Folgejahr mit Volkwin Marg gegründeten Sozietät internationale Aufmerksamkeit bescheren konnte. Die Besonderheit des Entwurfs war die hexagonale Anordnung der Anlage. Sie optimierte eine Erschließung der kurzen Wege, indem von Gerkan hier das von der Lufthansa propagierte Drive-In-Konzept umsetzte (Auto). Der Entwurf setzt die Grundrissfigur des Hexagons zudem sehr eindrucksvoll in einen Hochbau um, der Abfertigung, Hotel und Tower integriert. Der Komplex erhebt sich über die niedersächsische Tiefebene als weithin sichtbares Emblem einer durch technischen Fortschritt ermöglichten Mobilität.

Meinhard von Gerkan, Fluggast-Abfertigungsgebäude in Hannover-Langenhagen, 1964, Prof. Oesterlen, Ansicht. Abb. Privatarchiv von Gerkan
Meinhard von Gerkan, Fluggast-Abfertigungsgebäude in Hannover-Langenhagen, 1964, Prof. Oesterlen, Modell. Abb. Privatarchiv von Gerkan

 

Im gleichen Jahr hat auch Hans-Joachim Witt eine Abfertigungshalle konzipiert, um die sich die Flugzeug-Docks allseitig anordnen. Hier ist die Grundfigur ein Quadrat, das von einem frei tragenden Raumfachwerk gedeckt wird (Tragwerk). Mit besonderem Gespür für die Möglichkeiten der Collage versteht es Witt, das technische Versprechen in seinen Entwurfsansichten als einen großzügigen, luziden Raumeindruck ansichtig zu machen (Perspektive).

 

Hans-Joachim Witt, Fluggast-Abfertigungsgebäude in Hannover-Langenhagen, 1964, Prof. Kraemer, Schnitt-Collage

 

Der erste Entwurf, den der 1973 nach Braunschweig berufene Meinhard von Gerkan als Professor für Gebäudelehre und Entwerfen in Braunschweig als Diplomaufgabe herausgibt, ist wiederum ein Fluggastabfertigungsgebäude. Diese Aufgabe gehört von nun an zum Repertoire der Braunschweiger Abschlussarbeiten.

Eine Weiterentwicklung des ringförmigen Erschließungsmodells stellt Klaus Lenz' Großflughafen Berlin vor, das 1990 vor dem Hintergrund der Wiedervereinigung Deutschlands konzipiert wird. Die kreisförmige Struktur wird von einer Brücke überspannt, welche die Anbindung an den Bodenverkehr ermöglicht. Die Technikbegeisterung der Sechzigerjahre ist behutsameren Tönen gewichen: im Innern des Rings befinden sich nun keine Nutzflächen mehr, sondern eine Gartenanlage.

 

Klaus Lenz, Großflughafen Berlin, 1990, Prof. von Gerkan, Modell

 

In jüngerer Zeit nehmen Technikutopien wieder Fahrt auf - vielleicht in Reaktion auf eine gewisse Ermüdung an einem überstrapazierten Nachhaltigkeitsdiskurs.

Sebastian Kaus entwirft 2010 mit dem Esec - European Space Exploration Center eine Astronautenschule mit Besucherzentrum, in dessen Innern die vertikalen und horizontalen Raumbegrenzungen verschliffen sind, um Besucher und Raumfahrer in spe auf die Schwerelosigkeit der Raumfahrt einzustimmen. Christoph Peetz entwirft 2014 gar einen European Spaceport, von dem aus dereinst Touristen in die Weiten des Weltraums starten sollen. Dass uns dies eine reine Fiktion dünken mag, liegt wohl daran, dass - anders als in den Sechzigerjahren - diesmal die Flugtechnik der
architektonischen Phantasie hinterher hinkt.

   

Sebastian Kaus, Esec - European Space Exploration Center, 2010, Prof. Roth, Innenraumperspektive
Christoph Peetz, Welt. Raum. Flughafen - Spaceport Europe, 2014, Prof. Penkhues, Innenraumperspektive

 

Martin Peschken