Block

Seit Ende der 1970er-Jahre wurde es auch in Braunschweig opportun, Entwurfsideen direkt aus der Morphologie des Umgebungsbestandes abzuleiten.

Ulrich Deckers Entwurf für ein Kulturforum auf dem Frankfurter Römerberg (1979) bemüht sich - nur wenige Jahre vor der Rekonstruktion der Ostzeile des Platzes und dem Bau der Schirn Kunsthalle - um eine Vermittlung zwischen den disparaten städtebaulichen Maßstäben der Frankfurter Innenstadt, allerdings in einer dezidiert modernen Formensprache. In den Achtzigerjahren wird schließlich in der Gestaltung der Fassaden, insbesondere mittels Material, eine größere Nähe zum erhaltenen Bestand angestrebt.

 

Ulrich Decker, Römerberg Frankfurt am Main, 1979, Prof. von Gerkan, Ansicht Saalgasse

 

"Block" bezeichnet hier weniger eine städtebauliche Figur. Vielmehr steht "Block" als Überbegriff für eine zumindest avantgarde-skeptische Methode, vorhandene Kontexte aufzunehmen und zu verstärken, statt sie gänzlich neu herzustellen. Es ist dabei kein Zufall, dass die Diplomaufgaben so häufig Foren für kulturelle Aktivitäten sind (Herd). Denn sie versuchen die Innenstädte, die sich in den ersten Jahrzehnten nach dem II. Weltkrieg vorwiegend als Geschäftscity ausprägten, wieder stärker als zivilgesellschaftliche Orte zu gestalten.

Aber auch das Leben in der räumlichen oder soziokulturellen Peripherie wird in diesem Sinn als Produktion neuer Heimat (Eutopos) in einer gewachsenen (Kultur-)Landschaft begriffen, etwa in Maria Biermeyers Wohnen in Melverode von 1979 und Manfred Bukowskis Türkischem Kulturhaus in Berlin von 1980.

   

Manfred Bukowski, Türkisches Kulturhaus Berlin, 1980, Prof. von Gerkan, Modell

 

Spätestens seit der bedauerlicherweise so verstockt geführten Debatte um das Planwerk für die Berliner Innenstadt in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre wurde die kritische Rekonstruktion historischer Stadtgrundrisse zu einem Paradigma, zu dem die werdenden Architekten und Städtebauer sich positionieren müssen. Cornelius Strübings Fabrica Berlin (2001) gibt hierfür ein Beispiel. Die Auslegung dieses Paradigmas bzw. die kritische Auseinandersetzung mit ihm, stellt nach wie vor große Herausforderungen an die Spielräume architektonischer Gestaltungen. Arbeiten wie Sandi Moreses In-Site Berlin. Leben am Lehrter Bahnhof von 2001 oder Florian Holiks Leben und Arbeiten vis à vis des Kreml (2005) zeugen in dieser Hinsicht von einer großen Bandbreite der städtebaulichen Ansätze, die in den letzten zwanzig Jahren durch die Professoren Walter Ackers und Uwe Brederlau sowie durch die Professorin Vanessa Miriam Carlow in Braunschweig vertreten werden.

   

Sandi Morese, In-Site Berlin. Leben am Lehrter Bahnhof, 2000, Prof. Ackers, Realisierungsphasen und Entwurfsskizze
Florian Holik, Leben und Arbeiten vis à vis des Kreml, 2005, Prof. Brederlau, Vogelschau

 

Martin Peschken