Curriculum

Braunschweiger Architekturdiplome waren zu drei Vierteln Hochbau-Entwürfe. Allein sieben Professoren aus diesem Bereich betreuten rund zwei Drittel aller 5003 Abschlussarbeiten zwischen 1945 und 2015. Gerhard Wagner, Friedrich Wilhelm Kraemer, Meinhard von Gerkan, Roland Ostertag, Michael Szyszkowitz, Dieter Oesterlen und Gerhard Auer waren die prägenden und teils über Jahrzehnte hinweg für Kontinuität sorgenden Architektenpersönlichkeiten, bei denen die breite Mehrheit ihren Diplomentwurf einreichte.

Daneben entstand rund ein Zehntel der Diplomarbeiten im Themenfeld Städtebau, Siedlungswesen, Landwirtschaftliche Baukunde und Landschaftsgestaltung, betreut unter anderem von Johannes Göderitz, Gottfried Schuster, Walter Ackers, Per Krusche, Erich Kulke und Hinnerk Wehberg. Ein weiteres Zehntel der Abschlussarbeiten befasste sich mit Fragen der Baukonstruktion und des Industriebaus, betreut vor allem von Walter Henn, Helmut C. Schulitz, Carsten Roth und Werner Kaag. Zum Schwerpunktbereich Hochbau und den beiden begleitenden Themenbereichen, deren Zahlenverhältnis über die Dekaden hinweg in etwa konstant blieb, kamen in den Vierziger- und Fünfzigerjahren einige wenige Diplomarbeiten aus der Baustoffkunde, der Hochbaustatik und der Innenraumgestaltung. In späteren Jahren folgten auch Aufgaben zur Entwicklungsplanung (Global).

Zu den Spezifika der Architektenausbildung an der Technischen Hochschule bzw. ab 1968 der Technischen Universität Braunschweig zählt, dass zahlreiche Lehrstühle bis zur Etablierung des Masters nie eigene Abschlussarbeiten herausgaben, nur teils begleitend in die Bewertung einbezogen waren. Auch Lehrinhalte wie der technische Ausbau, die Bau- und Stadtbaugeschichte, die Architekturtheorie, die Tragwerkslehre, das Zeichnen und das Elementare Formen gehörten zwar zu den Pflichtfächern der angehenden Architektinnen und Architekten, waren aber qua Prüfungsordnung nicht für die Themenstellung für Diplomarbeiten vorgesehen. Ebenso etablierte sich in langen Jahren, dass einige Lehrstühle sich fast ausschließlich der Grundlehre bis zum Vordiplom widmeten und andere Lehrstühle nur höhere Semester betreuten. Ein enges Feld von "diplomwürdigen" Teildisziplinen und einigen dominierenden Referenten ergab sich daraus und prägte Wesen und Wahrnehmung des Braunschweiger Architekturdiploms über viele Jahrzehnte.

Diese bewusste Beschränkung und eine betonte Fokussierung auf den Hochbau-Entwurf trugen wohl entscheidend zu dem bei, was Ulrich Conrads 1961 mit dem Begriff einer Braunschweiger Schule zu erfassen versuchte. Die oben skizzierten Gepflogenheiten und Strukturen hatten - bezogen auf die Abschlussarbeiten, die zu einem großen Teil die Außenwahrnehmung der Fakultät und ihrer Schüler bestimmte - lange Bestand. Zunächst Werner Kaag und dann Berthold Penkhues sprengten dieses Korsett in den Nullerjahren und gaben nun auch Diplomthemen an ihren Lehrstühlen heraus, deren langjährige Rolle die Betreuung von Vordiplomstudierenden gewesen war. Im Zuge des Bolognaprozesses kam es dann zu einer weitgehenden Liberalisierung auch in Fragen der Abschlussarbeiten (Master).

  

Entwicklung des Lehrkörpers 1945-2015. (c) gtas/Findbuch S. 36-37 (download per Klick)
Diplom-Referenten 1945-2015. (c) gtas/Findbuch S. 38-39 (download per Klick)

   

Anteil der Fächergruppen an den Diplomen 1945-2014. (c) gtas/Findbuch S. 35
Anteil der Referenten an der Gesamtzahl der Diplomarbeiten 1945-2014. (c) gtas/Findbuch S. 35

 

Arne Herbote

  

 

Weiterführend:

Conrads, Ulrich: Lehrstühle und Leerstühle. eine Randnotiz zu den Bauten in diesem Heft und zu einigem anderen mehr, in: Bauwelt, 52. Jg., 1961, 11, S. 305.