Demokratie

Was bedeutet Demokratie? Dem Namen nach ist es die Herrschaft des Volkes, doch was ist damit verbunden? Im westlichen Verständnis heute zumindest: Freie Wahlen, aus denen ein Mehrparteienparlament hervorgeht; Regierung und Opposition - eine Kultur der Debatte -, sowie der Schutz der Grund- und Menschenrechte.

Ihre wichtigste architektonische Vergegenständlichung sind die Versammlungsorte der Parlamente. "Die Demokratie kennt keinen verbindlichen Formenkanon. Sie übernimmt Formen- und Bildsprachen, die sie vorfindet, die sie aus der historisch-politischen Tradition der jeweiligen Kultur übernimmt und anpasst. Die Demokratie lebt von der Pluralität ihrer Eigeninszenierung" (Hans Vorländer). Die ultimative Antwort auf die Frage, wie ein Parlamentsbau auszusehen hat, gibt es demnach nicht. Sie unterliegt weitergehenden Vorstellungen von Repräsentation in den jeweiligen Gesellschaften.

1961 wurde von Prof. Oesterlen für die Architektur-Diplomanden der TH Braunschweig die Entwurfsaufgabe für ein Landtagsgebäude in Braunschweig (!) herausgegeben. Hinrich Schwanitz beantwortete die Frage, wie ein Parlamentsbau aussehen kann, mit einer an ein unbekanntes Flugobjekt erinnernden Gestaltung des Gebäudekomplexes. Es scheint auf seinen vorgesehenen Standort in der Nähe des alten Bahnhofs an der Oker hineinzuschweben. Auf Schwanitz' Plan für das Erdgeschoss erkennt man, dass das zentrale Moment für seinen Entwurf der Plenarsaal ist. Dessen radiale Form (Kurve) spiegelt den Gedanken der Gleichheit wider, der mit Demokratie verbunden wird.

 

Hinrich Schwanitz, Entwurf für ein Landtagsgebäude, 1961, Prof. Oesterlen, Grundriss Erdgeschoss

 

Im Kontrast dazu beantworten Patrik Dierks und Wilhelm Springmeier 1991 die von Prof. Meinhard von Gerkan gestellte Entwurfsaufgabe für einen Sachsen-Anhaltischen Landtag in Magdeburg. Für die Braunschweiger Architekturprofessoren ergaben sich durch die bedeutende Wende in der deutsch-deutschen Geschichte neue Entwurfsaufgaben für ihre Studierenden (Aufbruch). In Dierks Entwurf ist der ebenfalls kreisförmige Plenarsaal jedoch in einem rechteckigen Baukörper geborgen.

Wilhelm Springmeier, Landtag Sachsen-Anhalt, 1991, Prof. von Gerkan, Lageplan
Patrik Dierks, Landtag Sachsen-Anhalt, 1991, Prof. von Gerkan, Perspektiven

 

Konstitutiv für die Demokratie ist auch das Recht der Meinungsfreiheit. Und so haben wir den zwei Parlamentsentwürfen das Diplom von André Poitiers zur Seite gestellt: die Zentrale für Greenpeace in Hamburg von 1989. Die Nichtregierungsorganisation kritisiert mit ihren Aktionen das ökologisch bedenkliche Vorgehen von Konzernen und Alltagspraktiken der Menschen, aber auch von Regierungen und setzt somit Diskussionsthemen zur gesellschaftlichen Verständigung über eine lebenswerte Welt (Eutopos).

 

André Poitiers, Greenpeace-Basis Hamburg, 1989, Prof. Ostertag, Modell

 

Teilhabe an Bildung und Kultur ist ebenfalls ein zentrales demokratisches Anliegen. Rolf Toykas Goethe-Institut an der Weißenhofsiedlung auf dem Killesberg in Stuttgart (1978) widmet sich einem unerlässlichen Bestandteil der deutschen Kulturpolitik. Denn die Goethe-Institute waren seit ihrer Gründung 1951 nicht nur Vermittler der deutschen Sprache und Kultur im In- und Ausland, sondern auch Aushängeschilder eines spezifisch bundesrepublikanischen Verständnisses von Demokratie.

 

Rolf Toyka, Goethe-Institut an der Weißenhofsiedlung, 1978, Prof. Ostertag, Axonometrie

 

Anikó Merten

   

 

Weiterführend:

Arndt, Adolf: Demokratie als Bauherr, Berlin 1961.

Vorländer, Hans: Demokratie und Ästhetik. Zur Rehabilitierung eines problematischen Zusammenhangs, in: ders. (Hg.): Zur Ästhetik der Demokratie. Formen der politischen Selbstdarstellung, Stuttgart 2003, S. 11-26.

Flagge, Ingeborg/Stock, Wolfgang Jean (Hg.): Architektur und Demokratie. Bauen für die Politik von der amerikanischen Revolution bis zur Gegenwart, Stuttgart 1992.

Wilhelm, Karin: Demokratie als Bauherr. Überlegungen zum Charakter der Berliner politischen Repräsentationsbauten, in: aPUZ, Beilage 34-35 zur Wochenzeitung Das Parlament, 2001, S. 7-15.