Global

Nicht erst mit der gefühlten Zunahme der Globalisierung der letzten zwei Jahrzehnte, sondern bereits zuvor wurden am Fachbereich Architektur Diplomentwürfe zu sich weltweit stellenden Aufgaben ausgegeben. Die Sichtung der Abschlussarbeiten und ihrer Aufgabenstellungen machte aber deutlich, dass im gleichen Maße, wie die "Welt an sich" in unserer Wahrnehmung immer kleiner gerät, die Themen der Arbeiten internationaler und vielschichtiger werden. 

Gerade die in der Mitte des letzen Jahrhunderts voranschreitende Dekolonisierung ließ die Welt kleinteiliger werden. Unabhängige Staaten entstanden und die ebenfalls noch junge Bundesrepublik erbaute sich eine Vielzahl neuer Dependancen. Die Diplomentwürfe von Wolfgang Westphal (Deutsche Botschaft in den Tropen, 1955) und Ünal Agartir (Deutsche Botschaft in Mexico-City, 1971) zeigen im Abstand von fast zwanzig Jahren, wie solch repräsentative Vertretungen im Rahmen der eigenen Identitätsfindung als demokratischer Staat gestaltet wurden (Aufbruch).

 

Wolfgang Westphal, Deutsche Botschaft in den Tropen, 1955, Prof. Kraemer, Modell
Ünal Agartir, Deutsche Botschaft in Mexico-City, Prof. Oesterlen, 1971, Lageplan

 

Mit wachsendem Bewusstsein einer globalen Welt richtete sich der Blick der Diplomaufgaben auch kritisch auf die Fragen der Zeit. So bearbeitete Hanns Steinbacher 1988 zum Diplom bei Reinhardt Guldager ein Einfachhaus in Indonesien. Schon 1973 hatte Guldager die erste Professur für Entwicklungsplanung und Siedlungswesen in Deutschland erhalten und arbeitete seitdem explizit zu Nachhaltigkeit, lokalen Bautraditionen und ländlichen Alternativen an seinem Lehrstuhl (Eutopos).

  

Hanns Steinbacher, Einfachhaus in Indonesien, 1988, Prof. Guldager, Perspektive

 

Die Globalisierung macht sich selbstverständlich auch in der Heimat bemerkbar, und so sind in den Neunzigerjahren neben den Architekturentwürfen für die Neuen Bundesländer auch Diplomaufgaben in Braunschweig am Start, welche die deutschen Städte im globalen Kampf um Standortaufmerksamkeit fit machen sollen (Aufbruch). Neben Peter Ruges und Jan-Peter Wittes Planungen für ein Hamburg im Zeichen der Olympiade 2004 (1988) ist hier Titus Bernhards Kunst Kommerz Köln (1991) zu nennen, das dem weltweit expandieren Kunstmarkt ein internationales Parkett in der rheinischen Metropole verschaffen sollte.

 

Titus Bernhard, Kunst Kommerz Köln, 1991, Prof. Wagner, Schnitt

 

Der rasante wirtschaftliche Aufschwung Chinas in den 1990er Jahren war in Braunschweig relativ früh schon Thema auch für Diplomaufgaben. Wir zeigen stellvertretend Frank-Nikolaus Rickerts gigantische städtebauliche Anlage für den Großraum von Shanghai von 2002, in der eine horizontale Wasserstadt von einer dominanten Vertikale abgeschlossen wird: eine Fusion aus metabolistischer Stadt und Plug-In-City (Mega), deren expressive Konstruktion das Bild eines Drachentors beschwören will, und damit für den dynamischen Wandel ein traditionelles chinesisches Symbol aktualisiert.

 

Frank-Nikolaus Rickert, Drachentor, 2002, Prof. von Gerkan, Modell

 

Einen Beitrag zu Diskussion über Rolle und Handlungsraum von Architektur in einer endlichen Welt leisten auch die Entwürfe von Fabian Busse und Nicolai Schlapps. Als Urban Sprout, als Keimlinge städtischen Lebens, versuchen sie von Braunschweig aus in New Yorks Stadtumbau zu intervenieren Industrie. Im letzten Jahrzehnt wird es zunehmend üblich, dass selbst weit entfernte Orte des architektonischen Eingriffs in Exkursionen konkret erfahren und Analysen im direkten Austausch mit lokalen Austauschpartnern erarbeitet werden können.

 

Nicolai Schlapps, The Factory. Urban Sprout, 2013, Prof. Grüntuch-Ernst, Vogelschau

 

Anikó Merten